Röntgenlauf-Training: Ein Rückblick
Der 12. Oktober – also kommender Montag – ist für mich ein bedeutendes Datum. Dann nämlich endet die Online-Anmeldefrist für den Remscheider Röntgenlauf in gut zwei Wochen. Oder um es kurz zu machen: Auf einmal ist es soweit. Der Marathonlauf steht vor der Tür und klopft. Zeit also, einen Blick auf mein bisheriges Training zu werfen. Denn gemeinhin wird ja geraten, etwa 10 Tage vor dem Lauf das Training deutlich herunterzufahren und im Prinzip nur noch zu Fressen wie nichts Gutes. Deshalb schaue ich mir hier mal an, welche der wichtigsten Trainingsfaktoren ich umsetzen konnte (oder eben nicht).
Zu wenig Kilometer pro Woche
Um sich effektiv auf einen Marathon vorzubereiten, braucht es eine Wochendistanz von wenigstens 30 Kilometern. So die Theorie. Praktisch habe ich diesen Wert allerdings kläglich missachtet, in manchen Wochen bin ich überhaupt nicht gelaufen. Maßgeblichen Einfluss darauf hatte meine kränkelnde Wade. Ganz ehrlich: Ich habe diesbezüglich immer noch nicht den Stein der Weisen gefunden und keine Ahnung, was da nun genau der Auslöser ist und warum die Situation sich manchmal schwunghaft verbessert, nur um dann wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren.
Lange Trainingsläufe nur am Anfang
Der Schlüssel zum Erfolg liegt nach einhelliger Meinung von Experten in langen Trainingsläufen, die auf den Energieumwandlungsprozess von Kohlenhydraten auf Fette vorbereiten. Auch hier kann ich allenfalls einen Teilerfolg verbuchen. Zwar habe ich in der Summe sicher die von Michael Grüning erwähnten sechs 25-Kilometer-plus-Läufe gemacht, die für den Erfolg nötig sind. Die meisten liegen aber nun schon einige Wochen zurück. Lediglich der 33-km-Lauf kann als »langer« Trainingslauf in zeitlicher Nähe zum eigentlichen Marathon betrachtet werden. Wobei man sagen muss, dass meine Bergsteigeraktionen sicherlich auch in den Leistungsbereich eines Marathon hereingekommen sind – nur nicht so zeitlich konzentriert. Eigentlich wollte ich ja nun auch noch einen 3-Stunden-Lauf am Wochenende unternehmen, den letzten großen vor dem eigentlichen Lauf. Aber ich kann meine Wade immer noch nicht recht einschätzen und tendiere eher dazu, ausgiebig schwimmen zu gehen. Der Effekt von zwei Stunden nonstop Schwimmen dürfte ja vom Energieumwandlungsprozess ähnlich verlaufen. Irgendwann kommt der Switch auf die Fettverbrennung.
Überbelastung durch Trainingssteigerung
Die wöchentliche Steigerung des Trainingsumfangs um zehn Prozent habe ich anfangs berücksichtigt. Aber ich habe ja gesehen, wohin das geführt hat: in die Überbelastung. Hier ist mein Vorhaben, mir ausreichend Zeit für die Regeneration zu nehmen, gründlich nach hinten losgegangen. Was auch immer die Schmerzen in der rechten Wade nun ausgelöst hat, es lag mit Sicherheit an dem zu schnell gesteigerten Trainingsumfang. Klassischer Anfängerfehler. Was dazu geführt hat, dass ich in den letzten Wochen zwischen Momenten der Euphorie und bangem Zweifeln steckte, ob mein Bein sich überhaupt ausreichend erholt (was immer noch nicht ausgemacht ist).
Das Ziel heißt Ankommen
Ich wollte den Marathon in weniger als 4 Stunden laufen. Heute sage ich: Ich will überhaupt ins Ziel kommen. Ich gebe zu: Das klingt jetzt etwas melodramatisch. Unmöglich ist es ja nicht, aber durch meine lückenhafte Trainingsvorbereitung gepaart mit den zehrenden 800 Höhenmetern Anstieg beim Röntgenlauf ist diese Zielzeit doch in den Bereich des (recht) Unmöglichen gerückt. Da der Röntgenlauf aber auch kein herkömmlicher Asphalt-Marathon auf gerader, monotoner Strecke ist, bin ich darüber aber auch nicht sonderlich betrübt. Wie ich schon einmal sagte: Die Distanz überhaupt durch die eigene Ausdauer zu überwinden – das ist das Reizvolle und Herausfordernde.
Trocken geblieben
Ich hatte beschlossen, weitgehend auf übermäßigen Alkoholkonsum zu verzichten, solange meine Trainingsbemühungen andauern. Und immerhin ist dies ein Punkt, den ich weitgehend eingehalten habe. Absehen muss man natürlich von einem fulminanten Wiesn-Wochenende. Dort wurden keine Gefangenen gemacht.
Regeneration in letzter Minute
Der Körper hat es mir quasi diktiert: Nur noch dann laufen, wenn man sich auch wirklich danach fühlt! Also änderte ich irgendwann meine Taktik, löste mich von den harten Zahlenvorgaben und lief nur noch, wenn sich mein Bein auch danach anfühlte. Das war alles in allem wohl die Rettung. Aber sie hat einen hohen Preis: Ich habe in den letzten Wochen im Prinzip vollkommen unzureichend trainiert.
Aufgeben kommt nicht in Frage
Vergegenwärtigt man sich einmal die aufgezählten Punkte, so ergibt sich eigentlich nur eine einzige logische Frage: Macht das Antreten bei diesem Marathon überhaupt Sinn? Unter normalen Umständen würde man sagen: Nein! Und doch will ich bei meinem Vorhaben bleiben, weil ich erstens davon überzeugt bin, dass die gängigen How-to-do-Kriterien für das Marathontraining zwar mit Sicherheit vollkommen sinnvoll sind, aber keineswegs unabänderliche, ausnahmslose Regeln darstellen, ohne deren Einhaltung ein Erfolg absolut ausgeschlossen ist.
Zweitens hat die Vergangenheit gezeigt, dass immer wieder vorher scheinbar für unmöglich gehaltene Ausdaueranstrengungen möglich waren, die nur dadurch gemeistert werden konnten, dass man sich ihnen überhaupt gestellt hat. Will heißen: Bei einem solchen Lauf kann man durchaus »über sich hinauswachsen«, wie es so schön heißt. Einfach weil man es tun muss. Einen Schritt vor den anderen setzen. Ins Ziel kommen. Run with your heart.
Drittens ist mein Ehrgeiz einfach zu groß, als dass ich jetzt von meinem Plan abrücken würde. Die Vorbereitung war nicht angemessen, das Training eigentlich nicht ausreichend. Aber ich will mich trotzdem der Herausforderung stellen. Gerade auch weil ich sehen will, wie sich der Körper in einer Belastungssituation verhält, die ich vorher noch nicht erreicht habe.
Das Antreten bei diesem Marathonlauf ist also beschlossene Sache. Dieses Wochenende werde ich mich anmelden. Zwar wird es nun kein auf einem konzentrierten Aufbau basierender Abschluss eines fortlaufenden Trainings, sondern ein Experiment, dessen Gelingen nicht gewiss ist. Aber das ist okay. Ein Marathon ist wohl so etwas wie ein Neuzeit-Abenteuer für den modernen Menschen in einer abgeklärten, durchtechnisierten und bequemen Welt. Mögen sie dir Startnummern auf die Brust heften, dir Gatorade in die Hand drücken und am Ende vielleicht auch eine Banane – auf der Strecke kämpfst du allein, nur mit dir selbst. Diese Momente suche ich, diese Momente liebe ich. Und um es pathetisch zu sagen: Möge mein Wille meine Schwäche besiegen!
Trainingssteigerung und Wochenkilometer
Zuletzt habe ich zwei wesentliche Faktoren beschrieben, die für den Erfolg bei einem Marathonlauf entscheidend sind: die wöchentliche Kilometerzahl und das Trainieren von langen Läufen. Nun ist die erste Woche vorbei, und es wird Zeit für ein kleines Fazit: Die bisherigen vier Läufe waren im Rückblick sehr wahrscheinlich zu viel. Das lag wohl auch an meiner Startmotivation, die mich immer wieder auf die Piste trieb. Ein Beitrag auf Runner’s World rät dazu, das Training pro Woche nur um maximal 10 Prozent zu steigern. Vor diesem Hintergrund liege ich eindeutig zu hoch – in der kommende Woche begrenze ich mich auf drei Läufe. Das sorgt auch dafür, dass ich meine Knie, Sehnen und Gelenke nicht übermäßig strapaziere.
Zeit für Regeneration nehmen
In dem Artikel wird außerdem geraten, nicht mehr als nötig zu laufen und sich genug Zeit für die Erholung zu nehmen. Es macht wohl keinen großen Unterschied, ob man pro Woche vier oder sechs Mal läuft. Lieber ein wenig untertrainiert an den Start gehen, als Überbelastung riskieren. Diesen Ratschlag werde ich mir auf jeden Fall zu Herzen nehmen. Deshalb nicht mehr als drei Läufe nächste Woche – dann lieber mehr Ausgleichstraining. Die kleinen Läufe unter der Woche werden in Zukunft häufiger Tempodauerläufe sein, so wie sie in dem Artikel beschrieben werden. Meistens neige ich ja ohnehin dazu, kurze Läufe recht schnell zu laufen. Über die angestrebte Marathonzeit werde ich mir auch bald Gedanken machen.
Wie trainiert man für seinen ersten Marathon?
So ein Plan ist leicht geschmiedet, deutlich schwieriger ist die Umsetzung. Bei vielen Dingen, die ich mir vornehme, kann ich stets auf das personalisierte schlechte Gewissen in Form meines Vaters vertrauen, das mich jedes Mal mit einem »Weißt du eigentlich, was du dir da vorgenommen hast?« abstraft. Im Falle eines Marathonlaufs kann ich da nur sagen: theoretisch schon. Zu diesem Thema habe ich nämlich für die dpa einen Beitrag geschrieben, den man unter anderem auf Sueddeutsche.de lesen kann. Darin kommt auch Michael Grüning, stellvertretender Chefredakteur von Runner’s World, zu Wort. Und der hat den Marathon einfach auch schon 112 Mal gelaufen. Außerdem habe ich für den Artikel Herbert Steffny interviewt, der zum Beispiel unseren Ex-Außenminister Joschka Fischer für den großen Lauf trainiert hat. Das sind also zwei Menschen, die wirklich Bescheid wissen. Aus den aller Wahrscheinlichkeit nach von mir im Bademantel geführten Gesprächen leiten sich zwei Kernthesen ab, die man sich als Ratschlag zu Herzen nehmen sollte.
1) Ausreichende Wochenkilometerzahl
Ein Marathon braucht eine intensive Vorbereitungszeit von mindestens drei Monaten, in denen der Läufer zwischen 30 und 40 Kilometer wöchentlich zurücklegen sollte. Das gilt allerdings auch nur, wenn er vorher schon eineinhalb Jahre regelmäßig gelaufen ist. Das ist bei mir – nun ja – im weitesten Sinne so gewesen. Andernfalls können sich Sehnen, Gelenke und Muskeln nicht ausreichend an die Belastung gewöhnen.
2) Lange Trainingsläufe
Schlüssel zum Erfolg sind darüber hinaus – und da sind sich die Experten weitgehend einig – möglichst lange Trainingsläufe. Das hängt damit zusammen, dass der Körper beim Laufen hauptsächlich Kohlenhydrate in Form von Glykogen in Energie umwandelt. Irgendwann ist der Kohlenhydratspeicher aber aufgebraucht, und der Körper greift auf Fette zurück. Die Umsetzung ist in diesem Fall sehr viel schwieriger. Der Läufer fühlt sich dann so, als würde er »gegen eine Wand« laufen, oder es ist vom allseits gefürchteten »Hammer« die Rede. Um diese Umstellung des Energieumwandlungsprozesses halbwegs erträglich zu gestalten, sind lange Läufe notwendig. »Wir sprechen hier von wenigstens sechs Läufen über 25 Kilometern«, sagt Michael Grüning.
Wie gestalte ich jetzt mein Training?
Vermutlich sind die beschriebenen Punkte am wichtigsten für das Marathontraining. Der Rest ist zweifellos nicht uninteressant, findet hier aber eventuell später noch Erwähnung. Ich werde auf jeden Fall versuchen, unter der Woche mindestens zwei kurze bis mittellange Strecken zu laufen und jedes Wochenende einen längeren Lauf zu machen. Das Ganze wird ergänzt durch ausgleichendes Krafttraining im Fitnessstudio und mögliche andere Formen der körperlichen Ertüchtigung, über die es bei gegebener Zeit Wert sein wird, zu berichten.
Kleiner Rückblick
Die letzte Woche sah so aus: Ich bin ich drei Mal gelaufen (14, 8 und 9 Kilometer) und morgen steht demnach der erste größere Lauf an. Die Route überlege ich mir noch, hängt wie immer von Lust und Laune ab. Meine Ferse ist weitgehend unauffällig. Ich bin jedenfalls zuversichtlich, dass sie erst mal Ruhe gibt. Sorgen machen mir momentan eher die Knie, die durch das Bergab-Gehen in den Bergen noch etwas überbeansprucht sind.
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