»100 Kilometer sind für mich keine Überwindung«

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Jens Vieler (45) ist ein Ultramarathonläufer aus Hagen an der Grenze zum Sauerland und Initiator der TorTour de Ruhr. Mit dem Badwater135 im Death Valley, dem Ultra-Trail du Mont Blanc in den Alpen oder dem Marathon des Sables in der marokkanischen Sahara hat er viele der härtesten Ausdauerläufe der Welt absolviert. Bei einem lockeren Trainingslauf im Nieselregen durch die nebelverhangenen Wälder seiner Heimat spricht der 230-Kilometer-Mann über sein härtestes Rennen, die Kopfarbeit während des Laufens und die Erkenntnis, die wir aus unserem inneren Schweinehund ziehen können.
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Du hast die TorTour de Ruhr ins Leben gerufen. Was ist das für ein Lauf?
»Wir laufen 230 Kilometer über den Ruhrtal-Radweg. Das ist momentan noch der längste Nonstop-Lauf in Deutschland. Der geht Tag und Nacht, die Leute starten samstagmorgens in Winterberg und laufen durch, bis sie irgendwann in Duisburg ankommen. Ich bin das solo gelaufen 2007. Dann hat es den Lauf 2008 als offizielle Veranstaltung gegeben und dann alle zwei Jahre.«
Wie schnell sind die Läufer so?
»Die schnellsten brauchen so 26, 27 Stunden. Das ist schon ganz ordentlich.«
Wann hast du eigentlich gemerkt, dass du länger als 42 Kilometer laufen kannst?
»Das habe ich schon nach dem zweiten, dritten Marathon gemerkt. Dass das irgendwie Quatsch ist, in den Städten rumzulaufen. Das war mir zu voll, deshalb habe ich mich nach Landschaftsläufen umgesehen, und die sind in aller Regel länger. Das ist auch alles etwas entspannter, weil die Leute wissen, es geht jetzt nicht darum, die 2:57 Stunden zu knacken. Man hat den ganzen Tag Zeit.«
Die Massenveranstaltungen sind eher nervig?
»Die habe ich auch alle gemacht. Ich laufe als Pacemaker 10 bis 15 Städtemarathons im Jahr. Das ist für mich Training. Ich kriege den Start umsonst, aber im Prinzip mache ich da betreutes Laufen, für Leute, die persönliche Bestzeiten laufen wollen, so im Bereich 3:30 Stunden oder 3:15 Stunden, mit Luftballons hinten auf dem Rücken.«
Du schielst nicht auf Bestzeiten?
»Bei 24 Stunden gab es diese Schallmauer, mehr als 200 Kilometer. Die habe ich aber auch durchbrochen, seitdem ist das uninteressant. Oder beim Marathon: Ich wollte einmal unter 3 Stunden laufen, da habe ich ein paar Anläufe für gebraucht, das habe ich einmal gemacht und einen Haken dran gemacht. Das interessiert mich auch nicht mehr.«
Wie ist das Laufen in deinen Alltag integriert?
»Ich laufe jeden Tag. Wenn ich richtig im Training bin für Mehrtagesläufe, dann muss ich schon 150 bis 200 Kilometer in der Woche laufen. Wenn ich nichts direkt vor der Brust habe und in der Aufbauphase bin, mache ich so 120 bis 150 Kilometer die Woche.«
Das nimmt viel Zeit in Anspruch. Stellst du dir manchmal die Frage, ob es das Wert ist?
»Nein, natürlich nicht. Das ist eine Umdefinition von Prioritäten im Leben. Die Leute kommen nachmittags aus dem Büro, aus dem Laden, und sagen, jetzt lege ich mich erst mal auf die Couch und gucke vier Stunden fern. Ich mache das andersherum, ich sitze schon neun Stunden am Tag, ich muss mich danach bewegen.«
Wenn man davon ausgeht, dass wir viel Zeit auf Dinge verwenden, die uns viel geben – was ziehst du dann aus dem Laufen?
»Ich würde die Frage andersherum stellen. Das kostet mich ja keine Zeit, sondern das ist mein Leben. Du würdest einen Bayern-München-Fan nicht fragen: Warum fährst du jedes Wochenende ins Stadion und hängst dich da drei Stunden mit einer Kanne Bier in die Südkurve? Das ist eine Lebenseinstellung: Bewegung ist für mich Leben. Da merke ich, dass ich noch lebe.«
Bewegung als Selbstzweck.
»Da hängt natürlich viel mit dran. Zum Beispiel, dass du abschalten kannst. Aber letztlich ist es das Einzige, was du wirklich für dich alleine machen kannst. Es gibt ja viele Leute, die sagen, ich hab gar keine Zeit zum Laufen. Ich glaube, wenn du nicht mal zwei Stunden in der Woche Zeit hast für dich alleine, etwas für dich zu tun, dann machst du im Leben schon irgendwas falsch. Dass ich da 20 Stunden draus mache, ist jetzt eine spezielle Sache.«
Das heißt, du ziehst auch nicht so viel aus dieser Läufer-Community?
»Doch, das gehört auch dazu. Ich laufe je jedes Wochenende Veranstaltungen. Das ist schön, wenn man die Leute da wieder trifft. Das ist ja auch ein überschaubarer Kreis, das sind immer die gleichen 150 bis 200 Leute. Letztes Wochenende hatten wir den 24-Stunden-Lauf am Seiler See in Iserlohn. Da freust du dich dann das ganze Jahr drauf, da triffst du Leute wieder, die du zwei- oder dreimal im Jahr siehst, das ist wie so ein Familientreffen. Aber das ist nicht der primäre Gedanke. Ich mache das nicht, um Leute zu treffen.«
Was macht für dich den Reiz eines Laufs aus? Die Landschaft, die Beschaffenheit, die Distanz?
»Alles.«
Alles außer Stadtläufe?
»Ja, aber die auch nur nicht, weil es da so laut ist. Es gibt schöne Städte: Stockholm, Hamburg. Das ist dann eine Form von Sightseeing.«
Der Badwater Ultramarathon, der 217-Kilometer-Lauf durch das Death Valley, nennt sich »world’s toughest foot race«. Zutreffend oder eine Übertreibung?
»Für einen Nonstoplauf gehört er sicher mit zu den härtesten. Wobei das Läuferische jetzt nicht so hochanspruchsvoll ist. Mehr als 200 Kilometer laufen kann man oder kann man nicht, auch wenn es sehr heiß ist. Es kommt mehr auf die logistische Komponente an: Du brauchst eine eigene Crew, du musst unheimlich viel Eis durch die Wüste schleppen, damit du nicht überhitzt. Die Hitze ist anstrengend, aber du musst es vom Kopf her können.«
Wer hat dich unterstützt bei dem Lauf?
»Das waren meine Frau und zwei Freunde. Die müssen neben dir her fahren und dich die ganze Zeit mit Eis zuschütten und mit Wasser abspritzen.«
Unterstützt deine Frau dich beim Laufen oder sagt sie ab und zu auch: Hör mal, lass uns doch mal zwei Wochen an die See und nichts machen?
»Die läuft inzwischen selber.«
Aber eher hobbymäßig?
»Ja klar, ich ja auch. Aber Laufen ist ein teures Hobby. Die meisten Leute meinen ja, das sei ganz billig, du brauchst nur ein paar Laufschuhe. Ich brauche zehn Paar Laufschuhe im Jahr. Ich reise viel. Das kostet alles unheimlich viel an Equipment, an Urlaub, an Geld.«
Viele sagen ja auch, dass Reisen kein günstiges Hobby ist.
»Genau. In dem Bereich spielt sich das ab. Beim Badwater brauchst du vier Flüge für deine Crew, du brauchst ein Auto in der Wüste, du musst alles dabei haben. Da kannst du auch nicht eine Packung Eis nachkaufen, es gibt da nur alle 50, 60 Kilometer einen Laden.«
Hast du eigentlich auch auf einem Heimtrainer in der Sauna trainiert?
»Nein, das ist Quatsch. Du kannst die Hitze nicht vergleichen. In der Sauna hast du eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit, das hast du da nicht. Über 50 Grad laufen ist auch anders, als man sich das allgemein vorstellt. Das ist nicht so bedrückend wie hier 35 Grad im Sommer.«
Stimmt es denn, dass die Schuhsohlen schmelzen, wenn man zu lange auf dem heißen Asphalt läuft? Oder ist das so ein schöner, aber unwahrer Badwater-Mythos?
»Das ist ein Mythos. Aber um sich das mit der Hitze zu verdeutlichen: Du schwitzt, aber du kriegst es überhaupt nicht mit, weil das Wasser auf den Hautporen schon verdunstet, bevor du es überhaupt siehst. Du musst schon Leute um dich haben, die auf dich aufpassen. Du verlierst das Gefühl für Zeit, für Hunger, für Durst. Und ob du noch Herr deiner Sinne bist, da muss schon jemand von außen drauf gucken, das geht nicht anders.«
Beim Ultra-Trail du Mont Blanc bist du gleich am Anfang gestürzt. Du hast erst nach dem Rennen herausgefunden, dass der Arm gebrochen war. Wie konntest du noch weiterlaufen?
»Ich laufe ja nicht auf den Armen.«
Hat das etwas damit zu tun, dass der Körper dachte, es sei nur eine Prellung?
»Das sind natürlich Verdrängungsmechanismen, die sagen, das ist nicht so schlimm, das gucken wir uns hinterher mal an. Aber letztlich fahr ich doch nicht 1200 Kilometer in die Berge, um nach 8 Kilometern zu sagen: Ich hab mich auf die Klappe gelegt, jetzt fahre ich wieder nach Hause.«
Wenn du nach so einer unheimlich langen Distanz ins Ziel kommst, wie viel davon hat der Körper geschafft und wie viel der Wille?
»90 Prozent ist Kopfarbeit. Du musst natürlich ein gewisses Grundtraining mitbringen, viele Stunden laufen muss man auch körperlich hinkriegen. Du stehst nicht auf und sagst, morgen laufe ich mal vier Stunden um den Block, das ist ja Quatsch. Aber ich kann zum Beispiel 100 Kilometer aus dem Stehgreif laufen, das muss man ja nicht in dem Tempo machen, in dem man einen deutschen Rekord brechen will. Der Rest ist Kopfarbeit. Nachts durchzulaufen oder extrem lange Strecken, das ist nur Kopf.«
Gibt es eine Distanz, ab der es keine Rolle mehr spielt, wie trainiert man ist?
»Für einen 100-Kilometer-Lauf würdest du nicht dreimal so aufwendig trainieren wie für einen Marathon. Ab 100 Kilometern – das ist meine Einschätzung – ist es eigentlich egal, was du läufst, ob 150, 200 oder länger.«
Klar, dass man das fragen muss: Was war dein bisher härtestes Rennen?
»Der Deutschlandlauf. Da bin ich von Rügen bis nach Lörrach 17 Tage lang. Das geht auf das Material, jeden Tag 70 Kilometer laufen.«
Fehlt dem Körper die Regeneration?
»Du kommst nicht zur Ruhe. Du läufst morgens los, und für 70, 80, 90 Kilometer bist du nach ein paar Tagen locker 10, 11 Stunden unterwegs. Umziehen, duschen, essen. Und dann bleibt eigentlich nur noch Zeit fürs Schlafen.«
Was ist der Reiz an diesen Mehrtagesläufen? Das kann man ja immer noch steigern: 10 Tage, 20 Tage, 50 Tage.
»Klar, 2009 hatten wir den Transeuropalauf, jetzt 2012 wieder. 70 Tage kannst du da einmal durch Europa laufen. Das ist eine andere Disziplin. Ich bin auch schon mal sechs Tage im Kreis gelaufen auf einer 400-Meter-Aschebahn. Da packen sich die Leute an den Kopf. Wenn du das vom Schulsport kennst, da hast du ja schon nach 800 Metern die Nase voll. Das ist reine Kopfarbeit.«
Ist das auch von der Wahrnehmung anders, was passiert da nach drei Tagen?
»Ich will das nicht in diesen spirituellen Bereichen bringen, das ist mir zu abgedreht, zu mystisch, aber es ist schon so, dass du mal zehn Tage die Möglichkeit hast, in eine Form der Meditation zu treten. Andere Leute setzen sich auf einen Stuhl und essen nichts, und sagen, ich mache mir mal eine Woche Gedanken über mich und mein Leben, und das kannst du auch laufend machen.«
Springen die Gedanken denn wahllos umher? Oder denkst du irgendwann gar nicht mehr?
»Wenn du durch die Landschaft läufst, dann hast du irgendwann alles zu Ende gedacht, was du von zu Hause mitgebracht hast. Dann ist Leere im Kopf. Dann hast du erst wieder Platz, um neue Sachen aufzunehmen. Gerade wenn du durch ein Land läufst, dann machst du dir die ersten zwei, drei Tage noch Gedanken: Geht das alles gut? Habe ich alles dabei? Was habe ich bin von der Arbeit noch an Problemen mitgenommen? Und so weiter. Aber danach hast du Augen und Ohren offen für das, was da passiert. Du definierst Sachen neu. Wir sind jetzt viel durch Ostdeutschland gelaufen, da kommst du natürlich mit vielen Vorurteilen hin, aber du kannst das irgendwann ganz neu aufnehmen, ohne das in ein Bewertungsschema zu pressen. Aber dazu musst du dich vorher leer laufen, Sachen beiseite schieben, abarbeiten. Das kriegst du in zwei Stunden nicht hin.«
Nach 70 Kilometern in den Morgen hineinzulaufen, die Sonne aufgehen zu sehen – ist das ein kitschiger Moment?
»Da habe ich häufiger drüber nachgedacht. Ob das jetzt kitschig ist. Ich bin kein besonders gläubiger Mensch, aber wenn du da im Morgengrauen in den Bergen nach 24 Stunden läufst, das ist schon ein erhebender Augenblick. Das gibt schon Kraft, auch über den Lauf hinaus.«
Kannst du dich dem sprachlich nähern, wie sich das anfühlt, 100 Kilometer gelaufen zu sein, nicht nur für den Körper, sondern von der kompletten Wahrnehmung her?
»Im Kopf bist du da leer und bereit für was Neues.«
Es öffnet etwas?
»Ja. Ich finde, das ist eine Bewusstseinserweiterung. Ich will nicht anfangen mit Endorphinen und Drogen, aber es ist durchaus so, dass du auf einmal Platz hast für neue Gedanken. Das ist so.«
Ist es dir schon passiert, dass du nach Läufen auf Sachen geguckt hast in anderen Bereichen deines Lebens und gewusst hast: So oder so muss ich das jetzt angehen, das war mir vorher gar nicht klar?
»Das ist schwierig. Nein, das würde das Ganze überbewerten.«
Nervt die Frage nach dem ‘Warum’ eigentlich sehr?
»Ja. Meine normale Antwort ist: Wenn ich wüsste warum, würde ich aufhören zu laufen. Das mache ich noch so lange, wie es mir gefällt.«
Dein Tipp zur optimalen Verletzungsprävention?
»Ich mach das ja nicht seit gestern. Das baut sich langsam auf. Ich glaube schon, dass der Körper sich daran anpassen kann. Es hängt viel mit der Vorgeschichte zusammen. Manche sagen, ich hab Probleme mit den Knien, mit dem Rücken. Die haben meistens eine sportliche oder krankheitsbedingte Vorgeschichte. Es wird ja auch immer gesagt, Mensch das Laufen, geht dir das nicht auf die Knie? Das ist Quatsch. Die meisten Leute, die du fragst, die es an den Knien haben, die haben Basketball gespielt, Fußball, Handball. Ich habe noch nie – und ich kenne eine Menge Leute – davon gehört, dass sich jemand kaputt gelaufen hat. Das hat entweder eine erbliche Vorgeschichte oder sie haben einen Sport betrieben, den sie nicht mehr betreiben können und meinen jetzt, sie könnten auf einmal laufen. Wenn du eine vernünftige Trainingssteigerung machst – und mit vernünftig meine ich jetzt als Anfänger eine Stunde oder zwei in der Woche, und dann vielleicht dreimal eine Stunde, und dann steigerst du das, bis du bei einem Marathon bist – da kann sich ein Körper dran gewöhnen.«
Werden Schmerzen immer schlimmer, je länger man rennt?
»Ich glaube schon, dass die Leute im Ultralaufbereich ein anderes Schmerzempfinden haben. Da kannst du Schmerzen mal schneller wegdrücken. Schmerz ist ja nicht nur, dass man ein Problem hat, sondern auch wie du damit umgehst. Da gibt es sicher bestimmte Techniken und Erfahrungen, Ausblendmechanismen, die man irgendwann ganz gut drauf hat. Man muss trotzdem immer aufpassen. Ich würde bei einem langen Rennen zum Beispiel nie Schmerztabletten nehmen. Ich brauche immer noch die Rückmeldung: Läuft hier noch alles rund?«
Gibt es Morgende, an den du denkst: Heute wäre es auch mal schön, nicht zu laufen.
»Nein. Aber dieses Haustür zu und los, wo Leute dann sagen, der muss ja vor irgendwas weglaufen, das habe ich gar nicht. Wenn ich Stress habe mit meiner Frau oder auf der Arbeit, wenn ich ein Problem habe, das mich wirklich bewegt, könnte ich nicht laufen. Ich muss das vorher klären, da komm ich keine 100 Meter weit. Es funktioniert nicht, Aggressionen in Sport umzuwandeln. Wie willst du in dir ruhen, wenn du den Ärger mitnimmst?«
Es ist eine Illusion, seine Probleme beim Laufen hinter sich zulassen.
»Ja. Du kannst sicher einen anderen Standpunkt bekommen. Aber existenzielle Probleme, Beziehungsprobleme, die kriegst du unterwegs nicht gelöst.«
Das ist wie mit dem Reisen: Am schönsten Strand verschwinden die Probleme nicht.
»Ja, genau.«
Du hast gesagt, du hast keinen inneren Schweinehund. Warum ist das wichtig?
»Das hat für mich nichts mit dem Laufen zu tun. Schweinehund ist für mich genau das Gegenteil von dem, was ich machen will. Entweder ich will es machen oder ich lasse es. Da muss ich mir drüber im Klaren sein. Der Schweinehund ist für mich das Vorzeigebeispiel für: Ich würde gerne laufen, aber jemand anders hat mir gesagt, dass es gut für mich ist. Eigentlich will ich das gar nicht.«
Das heißt andersherum: Alles, was dich Überwindung kostet, kann nicht das Richtige sein.
»Das ist für mich keine Überwindung. Das ist eine Frage des Blickwinkels. Du versuchst ja gerade mit den 100 Kilometern schon zu verknüpfen, dass es eine schlechte Erfahrung ist…«
…dass es anstrengend ist.
»Aber das ist für mich nicht anstrengend. Ich mache es ja nicht für die zehn Prozent Schmerzen. Ich mache es für die 90 Prozent gutes Gefühl dabei. Und da nehme ich sicher Anstrengungen, Müdigkeit und Schmerzen in Kauf. Ich habe einen Kumpel, der ähnlich gestrickt ist, den rufe ich mittwochs an und frage: Hast du Samstag Zeit, machen wir einen 100-Kilometer-Trainingslauf? Das darfst du normalerweise keinem erzählen, 100 Kilometer läuft man nicht im Training. Uns ist beiden klar: Wir sind abends müde, uns tun die Füße weh, aber es war schön. Entweder du willst es oder du lässt es.«
Mir ist es beim Marathon immer so gegangen: Am Start wusste ich, dass ich heute ins Ziel laufe. Viele sahen aber auch skeptisch aus.
»Das ist die Grundangst, ob man die Erwartungen, die man an sich selber gestellt hat, erfüllen kann. Die meisten gehen ja gleich mit irgendwelchen Zielzeiten an den Start, und dann kriegen sie auf einmal Bedenken, ob sie das wirklich hinkriegen. Ich versuche, das Ganze relativ selbstbestimmt anzugehen. Ich lass mir nicht von anderen erzählen, wie schnell ich laufen muss. Das muss ich selber wissen.«
Das heißt aber, wenn du an den Start gehst, läufst du auf jeden Fall auch ins Ziel.
»Ich breche keine Rennen ab. Ich habe mich vielleicht ein-, zweimal verletzt oder ein Rennen abgebrochen wegen den Wetterbedingungen, in den Bergen, aber einfach weil ich keine Lust mehr hatte, das habe ich noch nie gemacht.«
Aber es gibt doch auch Dinge, die man unbedingt möchte, bei denen man sich dreimal sicher ist, dass sie hinhauen, und dann stellt man fest: Das wird nichts, das tut mir nicht gut, wenn ich hier noch weitermache.
»Ich will nicht sagen: Was man wirklich will, das kann man auch. Das ist zu flach. Aber vielleicht brennt bei mir auch vorher eine Sicherung durch, dass ich Sachen erst gar nicht angehe, von denen ich weiß, dass ich sie nicht schaffen würde. Ich habe in den nächsten Jahren noch ein paar Sachen, die ich abhaken möchte, aber das einzige, wovor ich so viel Respekt habe, dass ich das gar nicht machen würde, sind Kontinentaldurchquerungen. Mehr als 14, 15, maximal 20 Tage schaffe ich von der Psyche her nicht.«
Swissalpine K42: Der ultimative Marathon
Es gibt kein Zurück mehr. Ich habe mich für den Swissalpine K42 in der Schweiz angemeldet. Das ist der höchstgelegene Marathon Europas, sagen die Veranstalter, und das ist wahrscheinlich zutreffend. Eigentlich wollte ich im April die Harzquerung laufen. Es wäre mein erster Ultramarathon über 50 Kilometer gewesen. Dafür war ich aber zu schlecht trainiert. Dann wollte ich im September den Voralpenmarathon laufen. Den könnte ich aber wohl schon jetzt mitlaufen. Also musste irgendein Lauf her, der bitteschön noch im Sommer steigt, trotzdem extrem krass ist und die Grenze des Möglichen noch einmal neu definiert. Zweimal bin ich jetzt 42 Kilometer am Stück gelaufen, einmal durch das Bergische Land und einmal durch Berlin. Es müssen jetzt einfach mehr Höhenmeter sein, dachte ich, auf einer Route durch eine abgeschiedene und eindrucksvolle Landschaft, über steinige Trails und nicht über Asphalt. Ein Berglauf erschein mir perfekt. Also habe ich angefangen zu suchen. Irgendwann bin ich auf das folgende Video gestoßen und meine Entscheidung stand fest. Der Lauf ist am 30. Juli.
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Trainingspause, eine neue Taktik oder »Run with your heart«
Die Marathonvorbereitung ist ein Prozess, der immer neue Fragen aufwirft, der einer ständigen Wandlung unterlegen ist – und eben auch ein Weg, auf dem man sich Fehler eingestehen muss. Mein Fehler war eindeutig, dass ich nicht auf mein Körpergefühl gehört habe, sondern mich der Doktrin der blanken Zahlen unterworfen habe. Mit dem Ergebnis, dass meine rechte Wade es derzeit absolut verhindert, dass ich Laufen gehe. Medizinisch-orthopädisch kann ich mich diesem Belastungsschmerz nur als Laie nähern und auf einen Ärztemarathon habe ich wahrlich keine Lust. Somit bleibt mir nichts anderes übrig, als auf konstante Entlastung zu setzen, bis der Schmerz verschwindet. Also Trainingspause auf unbestimmte Zeit.
Nur noch auf den Körper hören
Das interessante daran ist, dass dieses Eingeständnis mich weitaus mehr Überwindung gekostet hat als jeder noch so marternde Halbmarathon-plus-x-Lauf, den ich bisher gemacht habe. Und weil Fehler nun einmal dafür da sind, dass man aus ihnen lernt, werde ich meine Taktik korrigieren: Ich werde nie mehr laufen, wenn sich mein Körper nicht danach fühlt, bloß um einer abstrakten Zielvorgabe zu folgen. Und um eines klarzustellen: Ich werde bei dem Marathon antreten und ihn beenden – und wenn ich die drei Wochen vorher keinen einzigen Meter gejoggt sein werde.
Run with your heart
Das führt uns nun direkt zum dritten Punkt des heutigen Tages: Der neue Leitspruch lautet ab sofort »Run with your heart«. Dieser schöne, leicht kitschig anmutende Satz stammt von Dean Karnazes, der das Buch Ultra Marathon Man geschrieben hat.
Das Buch ist als Inspiration und Motivation unfassbar gut. Als Leser hat man beinahe das Gefühl, der menschlichen Leistungsfähigkeit sind keine Grenzen gesetzt außer jene, die nur durch die eigene Willensstärke durchbrochen werden können. Und Dean Karnazes weiß wovon er spricht. Er ist schließlich den North Face Endurance 50 gelaufen (50 Marathons an 50 aufeinander folgenden Tagen), außerdem den Badwater 135 und einen Marathon zum Südpol in Laufschuhen. Er ist mit Sicherheit einer der weltbesten Endurance Runner unter der Sonne.
Die Doktrin der Zahlen
»Run with your heart« – dieser Spruch meint, auf sich selbst und seinen Körper zu vertrauen und auf sonst nichts anderes. Es ist ein Bekenntnis zu einer Laufphilosophie, den den spirituellen Charakter dieses Sports bewahrt, abseits von Leistungsdenken und gewinnorientiertem Wettbewerbssport (den Karnazes in der Form nie betrieben hat). Was er aber durchaus gemacht hat: Er ist nach 15 Jahren Laufpause 30 Meilen am Stück gelaufen. Und da ich denke, dass der Körper mit der richtigen Versorgung während des Laufens (Flüssigkeit und Elektrolyte) einiges zu leisten vermag, werde ich auch nicht von meinem ursprünglichen Plan abweichen. Es hat sich nur die Herangehensweise geändert – vom durchorganisierten Trainingsplan zum physischen und psychischen Feldexperiment.
Röntgenlauf: 42 Kilometer durch das Bergische Land
Die erste Frage (natürlich nach dem Warum) lautet ja: Und wo läufst du den Marathon? Das wundert mich, weil ich den Ort eigentlich gar nicht so entscheidend finde. Die Distanz überhaupt zu überbrücken, ist meiner Meinung nach das Reizvolle an der ganzen Sache. Ich gebe aber zu, dass das mit den 100 Tagen kein Zufall war und ich den Start dieses Blogs bewusst um genau diesen Zeitraum vor den angepeilten Lauf gelegt habe. Kurzum: Mein erster Marathon wird der Röntgenlauf in Remscheid sein. Am Sonntag, den 25. Oktober. Stolze 42,195 Kilometer durch das Bergische Land. Vorangig ausschlaggebend für die Wahl war die Nähe zu Hagen und der passende Termin.
Ein Marathon mit Höhenprofil
Bergisches Land, das ist leider mehr als eine linguistische Ableitung – tatsächlich ist das Bergische Land genau so bergig, wie der Name verspricht. Das hat natürlich enorme Konsequenzen für den Marathon. Die Bergauf-Strecken sind eine wesentlich größere Belastung für den Körper als das Laufen im ebenen Gelände. Muskeln und Gelenke werden bergan vielfach so stark beansprucht, wie es auf gerader Strecke der Fall ist. Das ist defintiv ein Faktor, den ich für mein Training mit einbeziehen muss. Das Höhenprofil von der Webseite des Röntgenlaufs habe ich hier mal zur Veranschaulichung mit im Gepäck:
Unterschiedliche Distanzen

In der Grafik ist es erkennbar: Die Strecke geht eigentlich noch weiter. Der Röntgenlauf ist nämlich ein Ultramarathon mit einer Distanz von 61 Kilometern. Das Gute ist aber, dass man auch einfach Marathon-Distanz laufen kann und es keinen stört. Man kann sich auch für den Ultra anmelden und nach 42 Kilometern aufhören, wenn man es nicht weiter schafft. Oder andersherum: Man meldet sich für den Marathon und läuft einfach im Ziel weiter, sofern einen der Eifer für weitere 20 Kilometer gepackt hat. Alles in allem also eine tolle Sache vom Veranstalter. Neben den todesmutigen Langläufern gehen aber auch Halbmarathon-Läufer an den Start.
800 Höhenmeter Anstieg als zusätzliche Herausforderung
Im Höhenprofil ist erkennbar, dass über die Marathondistanz mit Sicherheit 700 bis 800 537 Höhenmeter überwunden werden müssen. Spiridon-Redakteur Jörg Valentin nannte den Röntgenlauf in einem Telefoninterview eine »sehr selektive Strecke«. Das verdeutlicht auch einem ignoranten Läufer wie mir: Das Ganze ist absolut nicht zu unterschätzen. Immerhin macht der Ultra-Läufer über die Gesamtdistanz stolze 1100 849 Höhenmeter gut. Der Röntgenlauf ist also ebenso landschaftlich schön wie sportlich ambitioniert. Die Reaktion einer Bekannten auf meine Ankündigung hin lautete: »Oh, da hast du dir aber eine krasse Strecke ausgesucht.« Der Marathon in Remscheid wird kein leichtes Spiel. Es geht Berge rauf, Berge runter, und der Puls wird sich ähnlich verhalten. Aber seien wir mal ehrlich: Nur so macht es doch wirklich Spaß. Ein typischer Asphalt-Marathon durch die Stadt ist vielleicht einfacher zu laufen, aber bei weitem nicht so schön.
Training durch Geländeläufe
Wichtig für das Training sind meiner Ansicht nach Berg- und Geländeläufe. Topografische Erhebungen sind in München aber leider Mangelware, lediglich der Olympiapark bietet Anstiege, die sich optimistisch als Hügel bezeichnen lassen. Gestern gab es dort schließlich ungefähre 14 Kilometer bei einer Stunde und 9 Minuten Laufzeit. Und es wird auch angesichts des urban-melancholischen Abendrots nicht der letzte Lauf dort gewesen sein.
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