Röntgenlauf: Wie ich meinen ersten Marathon gelaufen bin
Es ist Oktober, Herbst geworden. Ich stehe in Remscheid-Hackenberg vor einer Sporthalle. Dieser Tag im Juli, an dem ich beschlossen habe, einen Marathon zu laufen, kommt mir vor, als läge er in einer weit entfernten Vergangenheit, wie das mit vielen Dingen im Leben ist, die noch gar nicht so lange her sind. Das Wetter ist ziemlich gut für so einen Lauf, weder Sonne noch Regen, angenehme Temperaturen, weder kalt noch warm. Besser kann man es eigentlich nicht haben. Meine Startnummer habe ich mit vier Sicherheitsnadeln an meinem Shirt festgemacht, sie steckt in einer Klarsichthülle, wegen des Regens, vielleicht. Hoffentlich nicht. Als ich am Morgen wach wurde, hatte ich ganz gut geschlafen, glaubte ich. Die Nacht davor aber so gut wie gar nicht. Dafür hatte ich viel gegessen, weil man das so machen soll, vor einem Marathon. Bis zum Vorabend habe ich über all die Dinge nachgedacht, von denen ich oft gelesen hatte, wie wichtig sie sind: die wöchentliche Kilometerzahl, lange Trainingsläufe, Tempotraining. Und ich dachte daran, wie wenig ich diese Dinge beherzigt hatte. Wie ich diesen typischen Anfängerfehler gemacht hatte: zu schnell zu viel trainieren. Wie ich gedacht hatte, über den Dingen zu stehen und wie ich genau diesen Fehler gemacht hatte.
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Jetzt stehe ich vor der Toilette der Sporthalle, es ist 8 Uhr, und in einer halben Stunde soll es losgehen. Ich binde den elektronischen Chip, der in Start und Ziel automatisch meine Zeit misst, in die Schnürbänder meines Schuhs. Noch ein wenig trinken, dann langsam Richtung Start. Noch einmal pinkeln, dieses Mal im Busch, das machen die meisten anderen Läufer auch so. Ich stehe dann also in diesem Pulk von Menschen, der sich vor der Startlinie sammelt. Ich bin ziemlich ruhig. Alles ist ganz klar und eindeutig. Ein guter Freund meinte einmal zu mir: Wenn du morgen etwas erreichen willst, muss es schon heute Realität in deinem Kopf sein. Wenn du etwas wirklich schaffen willst, muss der Endzustand, in diesem Fall das Überqueren der Ziellinie, schon so im Bewusstsein verinnerlicht sein, dass es gar nicht mehr anders passieren kann. Es ist wie beim Bergsteigen. An dem Tag, an dem du hochgehst, ab dem Moment, an dem du losläufst, gibt es nur einen möglichen Weg. Es gibt keine Alternative. Ich bin also ganz ruhig. Und dann laufe ich über die Startlinie. Der Chip an meinem Schuh fängt an, die Zeit zu zählen, aber das merke ich natürlich nicht.
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Kilometer 0 bis 10
Ich begreife gar nicht richtig, dass ich gerade laufe, eben bei diesem Marathon, den ich mir schon so lange vorgenommen habe. Aber dann laufe ich einfach. Remscheid sieht an den Ortsgrenzen ungefähr so aus, wie ich mir Nordkorea vorstelle. Aus der teils komplett bewaldeten Landschaft ragen hässliche, graue Wohntürme heraus. Die Strecke führt über die ersten 5 Kilometer durch den Ort. An diesem Sonntag sind schon viele Menschen auf den Beinen und beobachten den Start der Läufer. Schilder, Trompeten, Trillerpfeifen, alles dabei. Ich bin immer dicht umringt von anderen Läufern. Halbmarathon-, Marathon- und Ultraläufer sind zusammen gestartet. Das Ganze hat einen großen Vorteil: Man läuft nicht zu schnell los. Es ist praktisch unmöglich, sich vom Hauptfeld abzusetzen, wenn man am Anfang nicht direkt an der Startlinie steht. Irgendwann führt der Weg aus dem Ort heraus.
Meine größte Sorge ist mein Bein und der Wadenschmerz, der mich während des Trainings immer wieder geplagt hat. Er ist nicht da, er kommt auch nicht wieder. Die Taktik, auf vollständige Entlastung zugunsten der Regeneration zu setzen, ist also nicht verkehrt gewesen. Der erste Getränkestand kommt bei Kilometer 7. Ich habe mir vorgenommen, früh mit dem Trinken anzufangen, also greife ich einen Pappbecher mit Zitronentee, den ich im Gehen leer mache. Man soll während eines Marathon ein bis vier Liter trinken, heißt es. Nach einer Stunde erreiche ich die 10-Kilometer-Marke. Gutes Tempo, denke ich. Ich bin nicht zu schnell gestartet. Ich habe keine Schmerzen. Im Prinzip fühle ich mich so, als wäre ich vorhin erst losgelaufen. Als hätte ich nie etwas anderes getan, als zu laufen.
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Kilometer 10 bis 25
Auf den folgenden Kilometern habe ich das erste Mal das Gefühl, dass sich die Strecke etwas zieht. Asphalt und Waldboden wechseln sich jetzt immer häufiger ab. Es geht meist bergauf und bergab, selten eben geradeaus, aber das wusste ich ja. Kurz vor Kilometer 20 kommt das erste richtige Steilstück, es geht vielleicht 50 Meter in Serpentinen den Hang hinauf. Dieses Stück läuft keiner, der Kraftaufwand ist die gewonnene Zeit nicht wert. Also marschiere ich bergauf, überholen kann ich auf dem engen Pfad sowieso niemanden. Am Wegesrand haben einige Menschen eine Prosecco-Bar aufgebaut. So heißt es jedenfalls auf dem Schild. Im Prinzip ist da aber einfach ein Bierzelttisch, auf dem einige Pappbecher mit Sekt stehen. Die Leute selbst trinken Bier aus Flaschen. Es ist jetzt vielleicht 10 Uhr morgens. Ich habe das Gefühl, dass die Leute sich schon lange auf diesen Tag gefreut haben. Prosecco trinkt trotzdem niemand. Es geht dann irgendwann noch einmal durch eine Senke, ein Bachtal hinunter. Für die Halbmarathonläufer – an diesem Tag deutlich in der Überzahl – ist hier schon bald Schluss. Das bedeutet: Endspurt. Ich lasse mich nicht aus der Ruhe bringen und bleibe bei meinem Tempo.
Nach 21,2 Kilometern wird wieder Zeit genommen: Ich bin ziemlich exakt zwei Stunden unterwegs. Und dann, nach einer weiteren bedeutungslosen Kehre, stehen da plötzlich meine Eltern. Sie wollten versuchen, irgendwie an die Strecke heranzukommen, um mir ein wenig Energy-Gel zu geben. Das erste, was mir auffällt, ist die große Erleichterung im Gesicht meiner Mutter. Ich sehe offensichtlich nicht wirklich erschöpft aus. Die Hälfte ist geschafft, mein Fokus liegt auf der 25-Kilometer-Marke. Man darf bei einem solchen Lauf nicht den Fehler machen, sich die gesamte Strecke ins Gedächtnis zu rufen. Kopf und Körper müssen sich von einer Etappe zur nächsten bewegen. Ich denke also: Bis zum nächsten Getränkestand, und dann sehen wir weiter.
Der Stand kommt nach weiteren 20 Minuten. Ich löse das Kohlenhydratpulver, das ich dabei habe, in Wasser auf. Es enthält viele Elektrolyte – das ist gut, ich habe viele Mineralstoffe beim Laufen ausgeschwitzt. Dazu gibt es eine Viertelbanane und eine Tube Powergel, was optisch und haptisch handelsüblichem Haargel sehr nahe kommt. Schmecken tut es aber süß, obwohl kein Zucker enthalten ist. Nur Kohlenhydrate, Kalium und Natrium. Ich will keinen Zucker zu mir nehmen, das treibt den Blutzuckerspiegel nach oben und führt auf Dauer zu körperlicher Ermüdung und sogenanntem Erschöpfungshunger. Ich fühle mich ganz fit, eigentlich sogar sehr fit, und verschiebe meinen Gedankenhorizont auf die nächsten fünf Kilometer. Und ich denke an das Gedicht, das über meinem Bett hing, als ich noch sehr klein war: Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte von Antoine de Saint-Exupery.
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Kilometer 25 bis 34
Die andauernde Energieversorgung zahlt sich aus: Auf den nächsten 9 Kilometern ändert sich die Wahrnehmung meiner Schmerzen nicht. Richtige Ernährung ist ein absoluter Schlüssel zum Erfolg, das wird mir jetzt bewusst. Durch eine Tube Powergel alle halbe Stunde bleibt das Energielevel weitgehend konstant, nur die Muskeln werden natürlich immer »schwerer«, das heißt, sie übersäuern langsam. Ich bewege mich sehr lange auf gleicher Höhe mit einem älteren Mann, der einen grauen Vollbart trägt. Er läuft bei jeder Steigung gleichbleibendes Tempo. Das finde ich ziemlich beachtlich. Offensichtlich hat sich der Mann in seinen vielen Jahre als Läufer ein unglaubliches Maß an Disziplin und Kondition antrainiert. Er läuft nie zu schnell, fast in stoischer Gleichmäßigkeit.
Eine Sache habe ich dann etwas unterschätzt: Ab einer bestimmten Dauerbelastung ist es einfach nicht mehr angenehm, bergab zu laufen. Um Kilometer 30 herum ist die Strecke zwar nicht ganz so bergig wie der Rest, aber jedes Abfedern des Oberschenkels bereitet Schmerzen. Überhaupt: Die Beine fangen einfach an, wehzutun. Bei den Anstiegen versuche ich, meine Arme nicht über das Maß der minimalen natürlichen Bewegungsdynamik hinaus zu bewegen, die Beine eng beieinander zu halten und sehr viele kleine Schritte zu machen. Damit nehme ich einen zähen, besonders langen Hügel, ohne mich vollkommen zu verausgaben. Zum Glück höre ich mich selbst nicht atmen, weil ich die ganze Zeit Musik höre. Mit den Liedern ist es wie mit den Kilometerschildern, ich gehe von einem zum nächsten. Ich konzentriere mich auf den Moment, auf den nächsten Berg, manchmal nur auf die drei Meter, die sich immer wieder vor meinen Füßen auftun. Baby steps, nennt das der Ultraläufer Dean Karnazes.
Ich trinke jetzt auch mehr an den Getränkeständen, Gatorade und Wasser im Wechsel. Plötzlich tauchen meine Cousine, ihr Mann und meine Tante an der Strecke auf. Das gibt neue Kraft. Außerdem bin ich schon weiter, als ich denke, der nächste Getränkestand ist schon bei Kilometer 34. Über diesen Punkt hinaus bin ich noch nie in meinem ganzen Leben gelaufen.
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Röntgenlauf, Kilometer 36.
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Kilometer 34 bis 42
Die letzten 6 Kilometer sind die schlimmsten des gesamten Laufs. Ich bin jetzt weit über drei Stunden auf den Beinen. Bergablaufen tut fast noch mehr weh als bergauf. Ich versuche nur noch, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Manchmal grinse ich vor Schmerz. Es ist die große Dialektik des Laufens, dass gleichzeitig das Allereinfachste und das Allerschwerste in einem Moment zusammenfallen. Einen Schritt vor den anderen setzen, das kann sogar ein Kleinkind, es ist eine der trivialsten menschlichen Bewegungen überhaupt. Und hier kostet jeder Schritt auf einmal so wahnsinnig viel Überwindung. Jeder einzelne Schritt. Du machst einen, du machst noch einen, und plötzlich hast du wieder einen Kilometer mehr geschafft. Ich denke, dass auch das ärgste Hindernis im Leben, das größte Problem, schon die einfachste Lösung in sich trägt. Ein Marathon ist für viele ein nahezu unüberwindbares Hindernis, eine beinahe mystische Distanz, aber er ist nur das Produkt aus vielen tausend Schritten, der einfachsten Sache überhaupt. Wie weit kann man prinzipiell also gehen?
All diese Gedanken surren natürlich höchst unscharf durch meinen Kopf, als ich erschöpft auf Kilometer 40 zusteuere. Ich lasse die Möglichkeit, einfach stehen zu bleiben und damit den Schmerz abzustellen, einfach nicht in mein Bewusstsein. Plötzlich ist der Waldboden wieder komplett matschig, das Auftreten und Abstoßen kostet doppelt Kraft. Ich merke selbst, wie sich mein Gesicht verzogen hat. Ich atme auch nicht mehr so gleichmäßig wie am Anfang. Dann kommt die 40er-Marke, ich habe zu diesem Zeitpunkt schon komplett abgeschaltet, treibende Lieder rauschen durch mein Ohr. Ich könnte jederzeit stehen bleiben, es erscheint als das Reizvollste auf der ganzen Welt. Aber ich tue es nicht. Ich laufe eben doch weiter.
Auf den letzten zwei Kilometern lege ich sogar deutlich an Tempo zu. Ich spüre ein Kribbeln, fast schon eine Gänsehaut in mir aufsteigen, ein Gefühl absoluter Energie, das sich auf meinen gesamten Körper überträgt, und ich überhole alle anderen Läufer, die mir auf den letzten Anstiegen begegnen. Ich balle die Fäuste, mein Gesicht sieht düster aus, wie das eines Kriegers. Ich sehe bestimmt sehr lächerlich aus – aber ich fühle mich wie Held. Ich schaue in die Augen der Zuschauer, die an der letzten Kehre stehen und alle Läufer anfeuern, ein ziemlich belebender Augenblick. Dann sehe ich das Ziel.
Der Kommentator ruft meinen Namen auf und gibt meine Endzeit durch: Ich bin 4 Stunden und 22 Minuten durchgelaufen. Das Adrenalin legt sich. Was gerade eben passiert ist, kommt mir mit einem Mal schon wieder vollkommen irreal vor. Die Distanz, die Zeit, alles. Das einzige, was für einen kleinen Moment greifbar wird, ist das Gefühl von tiefer Zufriedenheit. Es ist geschafft, und ich wusste, dass es so kommen würde. Die krasseste Tatsache bei dieser ganzen Geschichte: Vor dem Marathon bin ich das letzte Mal am 23. September gelaufen.
Am Ziel: Röntgenlauf-Marathon 2009
Es ist geschafft: Das Projekt 100 days to marathon hat doch noch einen erfolgreichen Abschluss gefunden. Wenn ich es gerade könnte, würde ich ein bisschen vor Vergnügtheit durch die Gegend tanzen. Geht aber nicht. Die Beine können halt nichts mehr. Morgen gibt es die Eindrücke vom Lauf.
Die harten Fakten
Für die 42,195 Kilometer beim 9. Röntgenlauf-Marathon in Remscheid habe ich 4 Stunden, 22 Minuten und 30 Sekunden gebraucht, damit liege ich in der Gesamtwertung auf Platz 122 von rund 280 Läufern, die den Marathon beendet haben. Solides Mittelfeld also. In der Altersklasse zwischen 20 und 30 Jahren gab es ganze 14 Teilnehmer, ich liege auf Platz 7. Die Ergebnis-Listen im Einzelnen könnt ihr euch hier anschauen.
Zielzeit über vier Stunden
Meine ganz ursprünglich angestrebte Zielzeit von unter 4 Stunden konnte ich nicht erreichen, was eher den knapp 800 Höhenmetern Anstieg der oft über Waldwege führenden Strecke denn meiner eklatant lückenhaften Vorbereitung geschuldet ist. Deshalb bin ich schon ziemlich zufrieden mit dem Ergebnis, zumal mich alle mit wirren Blicken angeschaut hatten, sobald ich erzählte, mir für meinen ersten Marathon den Röntgenlauf ausgesucht zu haben. »Eine sehr selektive Strecke« – dieser Kommentar des Spiridon-Redakteurs Jörg Valentin hatte sich während der gesamten Vorbereitungszeit in meinen Kopf gesetzt. Ebenso wie die Zweifel, die mich noch bis kurz vor dem Lauf heimgesucht haben. Aber dann, am Wettkampftag, wird plötzlich alles sehr klar. Aber dazu morgen mehr.
Röntgenlauf-Training: Ein Rückblick
Der 12. Oktober – also kommender Montag – ist für mich ein bedeutendes Datum. Dann nämlich endet die Online-Anmeldefrist für den Remscheider Röntgenlauf in gut zwei Wochen. Oder um es kurz zu machen: Auf einmal ist es soweit. Der Marathonlauf steht vor der Tür und klopft. Zeit also, einen Blick auf mein bisheriges Training zu werfen. Denn gemeinhin wird ja geraten, etwa 10 Tage vor dem Lauf das Training deutlich herunterzufahren und im Prinzip nur noch zu Fressen wie nichts Gutes. Deshalb schaue ich mir hier mal an, welche der wichtigsten Trainingsfaktoren ich umsetzen konnte (oder eben nicht).
Zu wenig Kilometer pro Woche
Um sich effektiv auf einen Marathon vorzubereiten, braucht es eine Wochendistanz von wenigstens 30 Kilometern. So die Theorie. Praktisch habe ich diesen Wert allerdings kläglich missachtet, in manchen Wochen bin ich überhaupt nicht gelaufen. Maßgeblichen Einfluss darauf hatte meine kränkelnde Wade. Ganz ehrlich: Ich habe diesbezüglich immer noch nicht den Stein der Weisen gefunden und keine Ahnung, was da nun genau der Auslöser ist und warum die Situation sich manchmal schwunghaft verbessert, nur um dann wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren.
Lange Trainingsläufe nur am Anfang
Der Schlüssel zum Erfolg liegt nach einhelliger Meinung von Experten in langen Trainingsläufen, die auf den Energieumwandlungsprozess von Kohlenhydraten auf Fette vorbereiten. Auch hier kann ich allenfalls einen Teilerfolg verbuchen. Zwar habe ich in der Summe sicher die von Michael Grüning erwähnten sechs 25-Kilometer-plus-Läufe gemacht, die für den Erfolg nötig sind. Die meisten liegen aber nun schon einige Wochen zurück. Lediglich der 33-km-Lauf kann als »langer« Trainingslauf in zeitlicher Nähe zum eigentlichen Marathon betrachtet werden. Wobei man sagen muss, dass meine Bergsteigeraktionen sicherlich auch in den Leistungsbereich eines Marathon hereingekommen sind – nur nicht so zeitlich konzentriert. Eigentlich wollte ich ja nun auch noch einen 3-Stunden-Lauf am Wochenende unternehmen, den letzten großen vor dem eigentlichen Lauf. Aber ich kann meine Wade immer noch nicht recht einschätzen und tendiere eher dazu, ausgiebig schwimmen zu gehen. Der Effekt von zwei Stunden nonstop Schwimmen dürfte ja vom Energieumwandlungsprozess ähnlich verlaufen. Irgendwann kommt der Switch auf die Fettverbrennung.
Überbelastung durch Trainingssteigerung
Die wöchentliche Steigerung des Trainingsumfangs um zehn Prozent habe ich anfangs berücksichtigt. Aber ich habe ja gesehen, wohin das geführt hat: in die Überbelastung. Hier ist mein Vorhaben, mir ausreichend Zeit für die Regeneration zu nehmen, gründlich nach hinten losgegangen. Was auch immer die Schmerzen in der rechten Wade nun ausgelöst hat, es lag mit Sicherheit an dem zu schnell gesteigerten Trainingsumfang. Klassischer Anfängerfehler. Was dazu geführt hat, dass ich in den letzten Wochen zwischen Momenten der Euphorie und bangem Zweifeln steckte, ob mein Bein sich überhaupt ausreichend erholt (was immer noch nicht ausgemacht ist).
Das Ziel heißt Ankommen
Ich wollte den Marathon in weniger als 4 Stunden laufen. Heute sage ich: Ich will überhaupt ins Ziel kommen. Ich gebe zu: Das klingt jetzt etwas melodramatisch. Unmöglich ist es ja nicht, aber durch meine lückenhafte Trainingsvorbereitung gepaart mit den zehrenden 800 Höhenmetern Anstieg beim Röntgenlauf ist diese Zielzeit doch in den Bereich des (recht) Unmöglichen gerückt. Da der Röntgenlauf aber auch kein herkömmlicher Asphalt-Marathon auf gerader, monotoner Strecke ist, bin ich darüber aber auch nicht sonderlich betrübt. Wie ich schon einmal sagte: Die Distanz überhaupt durch die eigene Ausdauer zu überwinden – das ist das Reizvolle und Herausfordernde.
Trocken geblieben
Ich hatte beschlossen, weitgehend auf übermäßigen Alkoholkonsum zu verzichten, solange meine Trainingsbemühungen andauern. Und immerhin ist dies ein Punkt, den ich weitgehend eingehalten habe. Absehen muss man natürlich von einem fulminanten Wiesn-Wochenende. Dort wurden keine Gefangenen gemacht.
Regeneration in letzter Minute
Der Körper hat es mir quasi diktiert: Nur noch dann laufen, wenn man sich auch wirklich danach fühlt! Also änderte ich irgendwann meine Taktik, löste mich von den harten Zahlenvorgaben und lief nur noch, wenn sich mein Bein auch danach anfühlte. Das war alles in allem wohl die Rettung. Aber sie hat einen hohen Preis: Ich habe in den letzten Wochen im Prinzip vollkommen unzureichend trainiert.
Aufgeben kommt nicht in Frage
Vergegenwärtigt man sich einmal die aufgezählten Punkte, so ergibt sich eigentlich nur eine einzige logische Frage: Macht das Antreten bei diesem Marathon überhaupt Sinn? Unter normalen Umständen würde man sagen: Nein! Und doch will ich bei meinem Vorhaben bleiben, weil ich erstens davon überzeugt bin, dass die gängigen How-to-do-Kriterien für das Marathontraining zwar mit Sicherheit vollkommen sinnvoll sind, aber keineswegs unabänderliche, ausnahmslose Regeln darstellen, ohne deren Einhaltung ein Erfolg absolut ausgeschlossen ist.
Zweitens hat die Vergangenheit gezeigt, dass immer wieder vorher scheinbar für unmöglich gehaltene Ausdaueranstrengungen möglich waren, die nur dadurch gemeistert werden konnten, dass man sich ihnen überhaupt gestellt hat. Will heißen: Bei einem solchen Lauf kann man durchaus »über sich hinauswachsen«, wie es so schön heißt. Einfach weil man es tun muss. Einen Schritt vor den anderen setzen. Ins Ziel kommen. Run with your heart.
Drittens ist mein Ehrgeiz einfach zu groß, als dass ich jetzt von meinem Plan abrücken würde. Die Vorbereitung war nicht angemessen, das Training eigentlich nicht ausreichend. Aber ich will mich trotzdem der Herausforderung stellen. Gerade auch weil ich sehen will, wie sich der Körper in einer Belastungssituation verhält, die ich vorher noch nicht erreicht habe.
Das Antreten bei diesem Marathonlauf ist also beschlossene Sache. Dieses Wochenende werde ich mich anmelden. Zwar wird es nun kein auf einem konzentrierten Aufbau basierender Abschluss eines fortlaufenden Trainings, sondern ein Experiment, dessen Gelingen nicht gewiss ist. Aber das ist okay. Ein Marathon ist wohl so etwas wie ein Neuzeit-Abenteuer für den modernen Menschen in einer abgeklärten, durchtechnisierten und bequemen Welt. Mögen sie dir Startnummern auf die Brust heften, dir Gatorade in die Hand drücken und am Ende vielleicht auch eine Banane – auf der Strecke kämpfst du allein, nur mit dir selbst. Diese Momente suche ich, diese Momente liebe ich. Und um es pathetisch zu sagen: Möge mein Wille meine Schwäche besiegen!
Röntgenlauf: 42 Kilometer durch das Bergische Land
Die erste Frage (natürlich nach dem Warum) lautet ja: Und wo läufst du den Marathon? Das wundert mich, weil ich den Ort eigentlich gar nicht so entscheidend finde. Die Distanz überhaupt zu überbrücken, ist meiner Meinung nach das Reizvolle an der ganzen Sache. Ich gebe aber zu, dass das mit den 100 Tagen kein Zufall war und ich den Start dieses Blogs bewusst um genau diesen Zeitraum vor den angepeilten Lauf gelegt habe. Kurzum: Mein erster Marathon wird der Röntgenlauf in Remscheid sein. Am Sonntag, den 25. Oktober. Stolze 42,195 Kilometer durch das Bergische Land. Vorangig ausschlaggebend für die Wahl war die Nähe zu Hagen und der passende Termin.
Ein Marathon mit Höhenprofil
Bergisches Land, das ist leider mehr als eine linguistische Ableitung – tatsächlich ist das Bergische Land genau so bergig, wie der Name verspricht. Das hat natürlich enorme Konsequenzen für den Marathon. Die Bergauf-Strecken sind eine wesentlich größere Belastung für den Körper als das Laufen im ebenen Gelände. Muskeln und Gelenke werden bergan vielfach so stark beansprucht, wie es auf gerader Strecke der Fall ist. Das ist defintiv ein Faktor, den ich für mein Training mit einbeziehen muss. Das Höhenprofil von der Webseite des Röntgenlaufs habe ich hier mal zur Veranschaulichung mit im Gepäck:
Unterschiedliche Distanzen

In der Grafik ist es erkennbar: Die Strecke geht eigentlich noch weiter. Der Röntgenlauf ist nämlich ein Ultramarathon mit einer Distanz von 61 Kilometern. Das Gute ist aber, dass man auch einfach Marathon-Distanz laufen kann und es keinen stört. Man kann sich auch für den Ultra anmelden und nach 42 Kilometern aufhören, wenn man es nicht weiter schafft. Oder andersherum: Man meldet sich für den Marathon und läuft einfach im Ziel weiter, sofern einen der Eifer für weitere 20 Kilometer gepackt hat. Alles in allem also eine tolle Sache vom Veranstalter. Neben den todesmutigen Langläufern gehen aber auch Halbmarathon-Läufer an den Start.
800 Höhenmeter Anstieg als zusätzliche Herausforderung
Im Höhenprofil ist erkennbar, dass über die Marathondistanz mit Sicherheit 700 bis 800 537 Höhenmeter überwunden werden müssen. Spiridon-Redakteur Jörg Valentin nannte den Röntgenlauf in einem Telefoninterview eine »sehr selektive Strecke«. Das verdeutlicht auch einem ignoranten Läufer wie mir: Das Ganze ist absolut nicht zu unterschätzen. Immerhin macht der Ultra-Läufer über die Gesamtdistanz stolze 1100 849 Höhenmeter gut. Der Röntgenlauf ist also ebenso landschaftlich schön wie sportlich ambitioniert. Die Reaktion einer Bekannten auf meine Ankündigung hin lautete: »Oh, da hast du dir aber eine krasse Strecke ausgesucht.« Der Marathon in Remscheid wird kein leichtes Spiel. Es geht Berge rauf, Berge runter, und der Puls wird sich ähnlich verhalten. Aber seien wir mal ehrlich: Nur so macht es doch wirklich Spaß. Ein typischer Asphalt-Marathon durch die Stadt ist vielleicht einfacher zu laufen, aber bei weitem nicht so schön.
Training durch Geländeläufe
Wichtig für das Training sind meiner Ansicht nach Berg- und Geländeläufe. Topografische Erhebungen sind in München aber leider Mangelware, lediglich der Olympiapark bietet Anstiege, die sich optimistisch als Hügel bezeichnen lassen. Gestern gab es dort schließlich ungefähre 14 Kilometer bei einer Stunde und 9 Minuten Laufzeit. Und es wird auch angesichts des urban-melancholischen Abendrots nicht der letzte Lauf dort gewesen sein.

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