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Kilimandscharo (4) – Der letzte Weg

Posted in Kilimandscharo 2010 by Philipp on 15/04/2010

Die Nacht ist sehr kurz im Barafu Camp. Das lag in meinem Fall nicht nur daran, dass Tito den Aufbruch zur Gipfelbesteigung auf 0.30 Uhr festgesetzt hatte, sondern auch an der nun doch spürbar dünnen Höhenluft, die den Begriff Ruhepuls in gewisser Weise ad absurdum führt. Ich wendete mich jedenfalls hin und her und mochte nicht so recht einschlafen, während der brausende Wind von außen am Zelt rüttelte und sich dabei wie ein Tagedieb anhörte, der immer wieder um meinen Schlafplatz herumschlich. Dem ganzen war nur mit Musik beizukommen, was das Einschlafen wiederum erschwerte, und am Ende war es natürlich klar, dass das Ganze auf eine mehr oder weniger schlaflose Nacht hinauslaufen würde, die kurz vor Mitternacht ihr abruptes Ende fand. Sogleich hellwach durch eine Euphorie, die entfernt an das Gefühl vor Nachtwanderungen und Fackelmärschen zu Zeltlagerzeiten im Kindesalter erinnerte, würgte ich mit mittelmäßigem Appetit einige Butterkekse herunter und füllte meine Wasserflaschen auf.

Die Nacht war nicht so kalt wie befürchtet, und über mir sah ich die Sterne, unzählige von ihnen, und mehr auf einmal hatte ich bisher nur im Death Valley gesehen, wo sich sogar die Milchstraße am Nachthimmel abzeichnet. Die Luft fühlte sich nach gutem Gelingen an, allerlei Botenstoffe im Gehirn betrogen meinen Körper um seine Erschöpfung und täuschten ihm eine erholsame Ausgeruhtheit vor, was für den Moment auch absolut in Ordnung war. Tito und ich brachen auf, und je weniger Licht aus dem Lager zu uns herüberdrang, umso mehr Sterne erschienen. Vor uns waren schon zahlreiche Bergsteiger mit dem Aufstieg beschäftigt, und ihre Stirnlampen flackerten in einiger Entfernung durch die Dunkelheit. Tito trug nach eigenen Angaben drei Hosen und drei Paar Socken, und um ihn nicht unnötig zu beunruhigen, gab ich vor, es ebenso zu handhaben. Etwa 4000 Meter unter uns waren die Lichter der Stadt Moshi zu erkennen, und weiter westlich sogar Arusha, obwohl beide Städte einige Dutzend Kilometer voneinander entfernt liegen. Die Situation war gelinde gesagt ziemlich irreal, sowohl aus geografischer Perspektive, als auch sonst.

Eine halbe Stunde nach Aufbruch spielte mir meine durch die Höhe getrübte Wahrnehmung das erste Mal einen Streich. Durch eine höchst zufällige Verkettung von Umständen stand erstens der Mond genau hinter dem benachbarten Mount Mawenzi, zweithöchster Berg im Kilimandscharo-Massiv und ebenfalls über 5000 Meter hoch, und leuchtete aufgrund mir unbekannter physikalischer Gegebenheiten ziemlich orange, während sich zweitens einige Wolkenformationen um den Gipfelbereich legten, die durchlässig genug waren, um den seltsamen Mond nicht gänzlich zu verdecken, was insgesamt den Anschein erweckte, als würde der Vulkan Rauch ausspucken und seine kochendheiße Lava aus dem Krater hervorglühen. Da ein solches Schauspiel gleichzeitig ein erhebliches Bedrohungsszenario für alle sich am Berg befindlichen Menschen bedeutet hätte, kamen mir nach einigen Minuten verdutzten Staunens endlich Zweifel an dem Trugbild, das sich hier vor meine Augen geschoben hatte. Das dort drüben konnte unmöglich ein aktiver Vulkan sein, dachte ich mir, und lachte im nächsten Moment über meine eigene Dummheit. Die kurze Illusion war – bis das Gehirn Mond, Berg und Wolken richtig in Bezug zueinander gesetzt hatte – dennoch sehr schön.

Tito gab wie üblich das Tempo vor, und anfangs konnte ich noch gut folgen. Meine Stirnlampe spendete genug Licht, um den Weg zu erkennen. Vor uns kehrte ironischerweise der männliche Teil eines sehr durchtrainierten Ehepaars mit dem assistant guide um, und das Gesicht des Mannes, dessen Ausdruck irgendwo zwischen Wut und vollkommener Erschöpfung lag, verriet jedem Aufsteigenden, dass dies die absolut vernünftige Entscheidung gewesen sein musste. Ich für meinen Teil war immer noch recht vergnügt. Das änderte sich aber, als das Wetter umschlug.

Nach einer knappen Stunde fing es nämlich an zu schneien. Das Problem dabei war: Es sollte nicht mehr aufhören. Anfangs legten sich die Flocken ganz gemächlich in die Risse und Fugen des Gesteins unter unseren Füßen, wie Puderzucker, und zu schwachbrüstig, als dass man sich irgendwie hätte Gedanken darum machen müssen. Man könnte sogar sagen, zu diesem Zeitpunkt hatte das Schneegestöber durchaus seinen Reiz. Dann frischte der Wind auf. Das sorgt am Kibo nicht direkt für ein bergsteigerisches Risiko, denn auch der letzte Teil zum Gipfel kommt ohne irgendwelche Kletterpassagen aus, im tranceartigen Fortschreiten bei Nacht und Dunkelheit kühlt der Körper aber viel schneller aus.

Ich trug zwei Thermoshirts, meinen dicken Fleecepullover, eine wasserdichte Hardshell-Jacke in Signalfarbe, lange Unterhosen und eine wasserabweisende Trekkinghose, was mich eigentlich gut gegen die Temperatur von etwas minus 15 Grad schützte, welche sich durch den windchill noch einmal kälter anfühlte. Der Kopf sagte also: Nun gut, wird es also etwas rauer, aber das passt schon, soll ja auch kein Spaziergang sein, dieser Aufstieg. Ab 5000 Höhenmetern machten sich dann aber zusätzlich die ersten richtigen Symptome der Höhenluft bemerkbar. Und das sind, wie eigentlich immer, zunächst Kopfschmerzen. Hinter der Schläfe drückte es, und mein Schritttempo wurde jetzt immer langsamer. Einige Male bat ich Tito, kurz zum Trinken zu rasten, was wir dann natürlich taten, obwohl mein Führer in etwa dreinschaute wie ein Büroangestellter am Montagmorgen, der bei übelstem Prasselregen gezwungen ist, zum Bus zu laufen. Der Wind wurde immer stärker, und es schneite und schneite und hörte nicht mehr auf.

Im Zuge der anhaltenden Dunkelheit, des permanenten Schneefalls, der dünnen Luft und der weit unter dem Gefrierpunkt liegenden Lufttemperatur driftete meine Wahrnehmung im weiteren Verlauf des Aufstiegs mehr und mehr ins Abstrakte ab. Der Weg, der sich in ewig gleichen Serpentinen den Hang hoch schlängelte, war nunmehr komplett eingeschneit und außer ihm und Tito vor mir gab es in der Wildnis um uns herum nichts zu sehen, was meine tunnelblickartige Sinneswahrnehmung visuell noch einmal verstärkte. Dazu kamen die immerwährenden Schneeflocken, die von rechts nach links durch die Einflugschneise meiner Stirnlampe wehten und sich wie ein konstantes Bildrauschen auf meiner Pupille anfühlten, das mich zuweilen ernsthaft an der Klarheit meines Denkens zweifeln ließ. Mittlerweile war es ziemlich unmöglich geworden, sein Gesicht in den Wind zu halten, ohne dass der Schnee sofort auf der Haut festfror. Ich ging sehr langsam und atmete schnell.

Im Gelände ließ sich aufgrund der eingeschränkten Sicht beim besten Willen kein Orientierungspunkt ausmachen, der irgendwie Aufschluss darüber gab, wo an diesem Berg man sich überhaupt befand. Vereinzelt schlossen Bergsteiger hinter uns wieder auf. Dann kam das Schielen. Mit einem Mal hatte ich verdammt noch mal das Gefühl, zu schielen und begann, mir ein wenig Sorgen zu machen. Schnell hatte ich aber eine Technik gefunden, mit der ich das Schielen ablegen konnte – und zwar indem ich eine Minute das eine Auge schloss und in der nächsten das andere. Danach war die Sicht wieder klar. Die seltsame Befindlichkeit meiner Augen konnte ich mir nur dadurch erklären, dass der geringere Luftdruck in dieser Höhe gleichsam den Druck auf dem Augapfel verändert hatte, und hinzu kam schließlich noch, dass ich Kontaktlinsen trug. Alles in allem war es also ein schönes Delirium, in dem ich mich befand.

Dann endlich, nach einer weiteren Stunde geistig reduziertem Aufsteigens und lebensfeindlicher Monotonie der Umwelt, erreichten wir den Stella Point auf 5735 Metern. Hier trifft die Machame- mit der Marangu-Route zusammen, und ganz offiziell gilt der Kibo an diesem Punkt als bestiegen, was für jeden ambitionierten Bergsteiger natürlich kein vernünftiger Grund ist, nicht doch bis zum Uhuru Peak aufzusteigen, dem höchsten Stück Land auf dem gesamten afrikanischen Kontinent. Am Stella Point reichte mir ein anderer Bergsteiger, einem Traumbild gleich, den mit heißem Tee gefüllten Becher seiner Thermoskanne. Sein Begleiter übergab sich einige Male in den Schnee, es war das alte Bild. Nichtsdestotrotz registrierte ich, dass meine Kopfschmerzen sich wieder etwas legten. Es war mittlerweile 6 Uhr morgens und der Aufstieg hatte bisher fünfeinhalb Stunden gedauert.

Nach einer kurzen Rast querten wir die Schneefelder zum Uhuru Peak, den wir etwa um 6.30 Uhr erreichten. Eigentlich hätte zu dieser Zeit Sonnenaufgang sein müssen, das Gipfelplateau war jedoch in dichten Nebel gehüllt, und es war keine Übertreibung zu sagen, dass sich der Schneesturm zu einem orkanartigem Blizzard gesteigert hatte. Statt einem – zugegeben kräftezehrenden – Wanderausflug zu gleichen, hatte die Besteigung des Kilimandscharo mehr den Charakter einer Polarexpedition angenommen. Hier oben, in fast 6000 Metern, zeigte der Berg seine unerbittliche, menschenfeindliche Seite, so als wolle er den letzten Zweifler davon überzeugen, dass eine Besteigung am Ende doch kein touristischer Sonntagsausflug war.

Eigentlich sollte hier oben die Sonne über der afrikanischen Steppe aufgehen, ein erhabener Moment, so war vorher zu lesen gewesen, der so etwas wie Demut und Ergriffenheit erzeugt. Ich für meinen Teil konstatierte, dass die Fingerkuppen meines Handschuhs im Prinzip komplett eingefroren waren, und sah mich gezwungen, die Fäuste zu ballen und diese in die Taschen zu stecken. Ich fingerte meine Kamera aus dem Rucksack, um wenigstens ein einziges Gipfelfoto vor dem Markierungsschild zu schießen, was sich als durchaus schwierig erwies, da sich das heranfliegende Eis sofort in jede freiwerdende Öffnung des Rucksacks und auch der Fototasche setzte. Der Plan, in Hoffnung auf ein eventuell doch noch eintretendes Aufreißen des Himmels dort oben zu verharren, was den Blick über die Northern Icefields und den Rebmann-Gletscher freigegeben hätte, schien uns angesichts des unwirtlichen Sturms nicht sehr verheißungsvoll, und so machten wir uns zusammen mit einigen anderen Bergsteigern an den Abstieg.

Es war seltsam. Der düstere Morgen im Sturm hatte den Gipfelmoment einfach geschluckt, und als wir zum Stella Point zurückkehrten, war ich ernsthaft zu erschöpft, um mir Gedanken darüber zu machen, wie ich diese Besteigung des höchsten freistehenden Bergs der Erde nun zu werten hatte. Für den Moment beschlich mich ein Gefühl der Ernüchterung, was vielleicht auch wieder mit der Höhe zusammenhing. Der komplette Berg war nun bis auf 4500 Meter herunter mit Schnee überzogen, man konnte streckenweise bequem auf den Hacken rutschen.

Immer noch dem Sauerstoffmangel ausgesetzt erinnerten mich die Flocken und das Umherstapfen plötzlich an ein Rollenspiel, das ich als Kind häufig am Computer gespielt hatte. In einem Szenario kämpft sich der Held seinen Weg gegen fiese Monster und allerlei Ungetier frei, bis zur rettenden Garnison, der Stadt Gletschertal, um von dort aus weiter durch phantastische Länderein zu reisen und schließlich, am Ende des Spiels, die Prinzessin zu befreien, die selbstredend von den Mächten des Bösen gefangen gehalten wird, und die er schlussendlich natürlich heiraten wird. Ja, irrsinnigerweise dachte ich genau daran. Der Held musste einfach seinen Weg gehen, mit einem klar definierten Ziel, obgleich er auf diesem natürlich auch erbitterte Kämpfe auszutragen hatte, und erlangte mit Erreichen dieses Ziels nicht weniger als die Glückseligkeit an sich und den Frieden für das ganze Land. Ein einfaches Prinzip.

Nur, dass auf dem Gipfel des Kilimandscharo eben keine Prinzessin saß, und dass die Wegstrecke eben nur aus geografischer Sicht ein Ende hatte. Das große Finale, die große Auflösung, fehlte. Ich dachte, dass darin ja eigentlich das Problem lag, mit den Zielen und dem Glück, eben darin, dass kein gegangener Weg in der logischen Konsequenz dorthin führt, dass alles unsicher ist, dass alles sich wandeln und man einen Weg auch vollkommen umsonst gehen kann, um zu merken, dass sich am Ende eben nicht per se ein ersehntes Ziel befindet. Was kann man also tun?

Immerhin auf diesen Berg steigen, diesen Gipfel erreichen, als eine Erfahrung, die einem niemand je bis an das Lebensende wegnehmen kann, wie auch immer sich alles wandelt. Ich schätze, am Ende ist es die Summe aus diesen Erfahrungen, diesen unverrückbaren Ereignissen, die an einen Ort führen, an dem so etwas wie selbstverständliche Gewissheit eintritt, und Fragen des Wieso und Wohin nicht mehr gestellt werden. Man einfach handelt, ohne Zweifel, ohne Furcht. In diesem Zustand braucht man sich nicht mehr erklären, nichts mehr verzerren, weil alles, was man ist, ganz natürlich zutage tritt, in jeder einzelnen Geste, und auf die Umwelt abstrahlt. Vielleicht wollte ich immer so werden, es ist sogar höchst wahrscheinlich so. Aber da ich dergleichen erst jetzt feststelle, wo diese Reise schon einen Monat zurückliegt, ist es anscheinend doch so gewesen, dass dieses Vorhaben irgendwo aus sich selbst heraus entstanden ist, eben ohne die Absicht, überhaupt etwas zu finden, überhaupt etwas zu werden. Und das wäre ja nun ein gutes Zeichen.

Während meiner gesamten Zeit am Berg, während der fünf Nächte im Zelt und den knapp 5000 Metern Aufstieg, ließen sich all die Geschehnisse jedenfalls nicht in einen sinnstiftenden Kontext verpacken, und zugegeben hatte ich das auch nicht versucht. Und vielleicht war genau das der richtige Weg – einfach handeln, aus einer persönlichen Leidenschaft und Bewegtheit heraus, ohne einen Sinn zu suchen. In jedem Fall sinnlos und zutiefst ärgerlich war schließlich, dass ich während des Gipfelabstiegs mit dem rechten Fuß an einem unter dem Schnee verborgenen Felsen hängen blieb und mir dadurch böse das Knie verdrehte. Als sich innerhalb der Fallbewegung Ober- und Unterschenkel gegeneinander pressten, schrie ich vor Schmerzen auf, und dachte für zwei Sekunden, na wunderbar, jetzt hast du dir alles versaut. Tito, der vorgelaufen war, kam sogleich in heller Aufregung angerannt und begann, an meinem Knie zu reiben, anscheinend in der Absicht, es zu lockern.

Nach einer halben Minute war offensichtlich, dass kein tieferes medizinisches Verständnis dahinter steckte, und so bat ich ihn mit einem »let me put pressure on it« aufzutreten. Dem Himmel sei dank knickte ich nicht sofort wieder ein und konnte auch sonst ganz passabel laufen. Die Bänder an der Innenseite waren anscheinend nicht gerissen, dafür aber kräftig überdehnt. Tito musste also nicht den Parkranger anfunken, auf dass er mit ein paar missmutigen Trägern und einer Trage anrücke, um mich vom Berg zu holen. Leider gestaltete sich der Abstieg durch dieses Malheur deutlich anstrengender. Es war mir nicht möglich, das rechte Bein durchzustrecken, und wenn ich es beim Übersteigen einer Felsstufe doch tat, was anfangs häufig vorkam, wurde ich sogleich mit einem gleißenden Schmerz bestraft, der mich beizeiten mehr oder weniger laut fluchen und aufschreien ließ. Tito hatte seine liebe Sorge, aber gegen 9.30 Uhr erreichten wir das Basislager. Es wurde gekocht, wenngleich ich wenig Appetit hatte. Der Helikopterabtransport vom Kilimandscharo aus der Luft kostet übrigens, so ließ ich mir sagen, 700 Dollar in bar und wird von der Auslandsreisekrankenversicherung nicht übernommen.

Der letzte Teil des Abstiegs, etwa 2000 Höhenmeter hinab ins Mweka Camp, erwies sich am Ende als der schlimmste Teil der ganzen Tour. Die Bänderdehnung im rechten Knie zwang mich dazu, die volle Konzentration in jeden Schritt zu legen, und Schritte machte ich an diesem Tag noch unzählige tausend. Irgendwann fragte ich Tito, wie weit es denn nun noch zum Lager wäre, denn die Vegetation war bereits wieder sehr üppig, und als seine Antwort »forty minutes« zu mir durchdrang, hätte ich mich am liebsten auf einen Stein gesetzt und geheult. Auch der Gedanke an das gemeinsame Bier mit den anderen Reisenden – es wurden am Ende einige, dazu Whisky, und alles in allem kam ich ziemlich betrunken am Flughafen an, ohne noch einen Dollar in der Tasche zu haben – konnte mich irgendwie trösten. Angekommen im Mweka Camp fiel ich vor meinem Zelt auf die Knie, nahm den Rucksack ab und blieb wenigstens zehn Minuten komplett regungslos, aber mit dem irren Lächeln eines Drogensüchtigen auf dem Zeltboden liegen, während die verlehmten Bergstiefel zum Eingang herausragten. Nichts war in diesem Moment angenehmer, als sich nicht mehr bewegen zu müssen. Niemals in meinem Leben war ich so erschöpft gewesen.

Später am Abend kam ich mit einem Australier namens Christian ins Gespräch, der sich als Arzt erwies und mir freundlicherweise das Knie bandagierte. Ich verabredete mich mit ihm für den Abend des kommenden Tages zum Essen in den Bristol Lodges und schlief ebenfalls so fest, wie noch nie zuvor. Selbst die gereichte Waschschüssel erschien mir nunmehr nicht als sehnlicher Luxus, sondern lediglich als ein weiterer, mühsamer Grund, mich zu bewegen. Ich war am Ende meiner Kraft.

Der Abstieg am kommenden Tag zum Mweka Gate war dank der Bandage von Christian um einiges angenehmer. Wieder brüllten die Affen durch den Wald, und die sturmgepeitschten Gletscher am Gipfel des Kibo hingen nur noch als Zerrbild im Zwischenspeicher. Ich sehnte mich, jetzt, da ich tatsächlich oben gewesen war, nach einer Dusche und Zivilisation. Zurück im Hotel legte ich mich auf das Bett, beobachtete den Ventilator und war glücklich. Wieder schien es, als wäre die doch soeben erlebte Realität nicht real gewesen, und das ist übrigens ein schönes Gefühl, auf eine gewisse Art und Weise. Die subtropische Hitze Tansanias hatte mich zurück, Hunger überkam mich, und es war Zeit, zum Abendessen aufzubrechen.

Christian war dreißig Jahre alt und, wie gesagt, Arzt, und zwar bei einer Hilfsorganisation. Ursprünglich aus Brisbane kommend, in kleinen Verhältnis mit wenig reiseinteressierten Eltern aufgewachsen, wie er erzählte, hatte ihn irgendwann das Fernweh gepackt, und nun reiste er eben um die halbe Welt, um humanitäre Projekte zu betreuen, während die meisten seiner Freunde bereits geheiratet und Kinder hatten. Er lebte derzeit in Saudi-Arabien und nahm den Kili, quasi als kurzen Abstecher, vor einem der wenigen Besuche in der Heimat mit.

Christian erzählte ruhig und entspannt die wunderbarsten Geschichten, zum Beispiel von seiner Zeit bei den Aboriginies (»I spend three month in the desert and they taught me hunting and everything«), von saudischen Wüstenbanden, die seinen Jeep angegriffen hatten (»shots are not like in the movies, they’re very silent when they hit the metal«), von Verkehrsunfällen in Port Moresby, nach denen es für Ausländer dringend angeraten war, noch am selben Tag das Land zu verlassen (»otherwise you will definetly get chopped«), von papua-neugineischen Bergdörfern, in denen sie noch nie einen weißen Mann gesehen hatten (»children ran over to me and touched my leg just to be sure I’m not a ghost«), und von den arabischen Grenzbeamten, die ihn aufgrund seines im vorderen und mittleren Orient durchaus herausfordernden Vornamens immer wieder mit kleinen Schikanen überzogen (»just to make a point«). Am Kilimandscharo hatte Christian das erste Mal Schnee gesehen. Aber er war eben auch oben gewesen.

Zur Feier des Tages bestellten wir zwei Kilimanjaro Lager und das, obwohl mein Gegenüber laut eigenen Angaben sonst nie Alkohol trank. Ich wollte nicht zurück nach Hause, aber morgen musste ich das. Die Dunkelheit brach wieder wie mit der Zeitschaltuhr herein, und über die Loggia legte sich abendliche Ruhe. Es war Zeit für eine Verabschiedung. In denen bin ich nie sehr gut, und wir tauschten etwas umständlich einige letzte Worte aus. »If there is one advice I can give you – whatever you do in your life, always be a little different«, sagte er. Wieder fiel der Strom aus, noch einmal wurde es sehr ruhig auf der Terasse der Bristol Lodges. Dieses Mal war ich es auch.

Kilimandscharo (3) – Dünne Luft

Posted in Kilimandscharo 2010 by Philipp on 08/04/2010

In der kommenden Nacht würde ich zum Schlafen einen Pullover tragen. Eiskristalle verzierten den abwechselnd grasbewachsenen und dann wieder staubgrauen Boden im Shira Camp. Die kalte Stunde vor Morgengrauen lag gerade hinter uns. Tropische Elemente wie die spärliche, aber immer noch vorhandene Vegetation schafften in Verbindung mit jenem Anflug von hochalpiner Kälte eine seltsame Mischatmosphäre. Ich spulte mein Morgenprogramm ab. Dabei war das Verlassen des Schlafsacks – als eine Art Wärmekokon – mit Abstand die schlimmste Prozedur. Das Zelt war an diesem Morgen nicht nur latent feucht, so wie eigentlich immer, sondern auch ziemlich kalt. Zähne putzen und Gesicht waschen belebten mich wieder, danach gab es wie üblich Tee und Frühstück. Rasch wurde alles in Kisten, Säcken, Taschen und Rucksäcken verstaut, und in dem Moment, in dem die Morgensonne endgültig über den Berghang fiel und das Lager mit gelblich-orangem Licht flutete, setzten Tito und ich wieder einen Fuß vor der anderen.

Die Tagesetappe sah heute vor, bis zum Lava Tower, einem gut 20 Meter hohen, schroffen Felsobelisken auf etwa 4600 Metern aufzusteigen, nur um dann wieder auf Ausgangshöhe ins Barango Camp zurückzukehren. Dies war keine Schikane, sondern diente selbstverständlich der Akklimatisierung. Denn, wie jeder Bergsteiger weiß, gilt auch am Kibo das alte Motto »climb high, sleep low«, was für den ersten Teil des Tages also wiederum ein stetiges Bergaufgehen bedeutete.

Alsbald zogen sich die Pflanzen gänzlich zurück, und recht schnell bekam man in etwa ein Gefühl dafür, wie es auf dem Mond aussehen muss, abgesehen von dem azurblauen Himmel natürlich. Überall lagen Felsbrocken in der Landschaft herum, wie auf einem überdimensionalen Billardtisch. Die Felsen waren aus Lavagestein und darum aschgrau bis schwarz. Es ließ sich nur schwer sagen, wie sie dort hingekommen waren, ob durch natürliche Erosion oder aber – und das schien mir wahrscheinlicher – durch einen frühzeitlichen Auswurf des Kibo-Kraters über uns.

Das Gefühl von extraterrestrischer Verlassenheit verbildlichte sich ziemlich deutlich auf den Fotos, die ich in diesem Gelände schoss, und bei denen das gedankenlose Übereinanderschrauben von UV-Filter und Polfilter auf dem Objektiv kurzzeitig dafür gesorgt hatte, dass in den vier Bildecken jeweils schwarze runde Halbkreise das eigentliche Motiv umrahmten. Dadurch sah es aus, als hätte man durch eine Art Bullauge aus einem wie auch immer gearteten Vehikel, das den Entdecker vor der lebensfeindlichen Atmosphäre draußen schützt, hinaus fotografiert, in das groteske, irreale, trügerische Blau eines sonnigen Mittagshimmels, das nichts von der Unwirtlichkeit der Umgebung preisgibt. Alles Blödsinn, kann ich da nur sagen, gemessen an der Höhe ging es mir ziemlich gut. Nur auf den Fotos sah es eben so aus.

Bald wurden auch die Felsen kleiner und wir stapften mit deutlich reduzierter Schrittgeschwindigkeit durch die staubige Alpinwüste auf rund viereinhalbtausend Metern. Belesene Alpinisten werden wissen, dass sich der Lava Tower somit ungefähr auf Höhe der Schweizer Dufourspitze im Monte Rosa-Massiv befindet, und das ist immerhin der zweithöchste Gipfel der gesamten Alpen. Zahlenspiele wirbelten durch meinen Kopf, wie ich dort mit Tito den Pfad entlang lief, und ich dachte daran, dass ich ja eigentlich nach Afrika geflogen war, um diesen Berg zu besteigen, eben auch der Zahl wegen. Höchster Berg Afrikas, höchster freistehender Berg der Erde, knappe 6000 Meter. Aber dann fiel mir auf, dass ich in den vergangenen Tagen im Prinzip die ganze Zeit auf der Suche nach einem Gefühl gewesen war, einem Gefühl, das irgendwie hätte ausgelöst werden müssen, durch irgendetwas. Aber es war nicht gekommen. Zwei Tage lang prasselten immer neue Sinneseindrücke auf mich ein, aber gefühlt hatte ich nichts. Das änderte sich mit einem Mal, dort oben, unterhalb des eisbedeckten Gipfelaufbaus weit oberhalb des sonst so heißen ostafrikanischen Landes.

In meinem Ohr steckten Kopfhörer, Musik rauschte durch meinen Schädel, aber daran lag es nicht, dachte ich mir. Eine überschwängliche, berauschende Euphorie stieg in mir hoch, bis ins Gesicht, und begann dort sogar, meine Züge zu verändern. Ich musste unweigerlich lächeln. Es war ein mildes Lächeln, voller Einsicht und Güte, so schien es mir, vernebelt wie ich war. Immer noch lief Musik, es war »Rubber Rings« von soso. I went looking for magic in a city of soil and plastic, grey days and a clean efficient mass transportation system. Ich bekam Tränen in den Augen, vor Erregung, dessen Ursprung ich nicht deuten konnte. Irgendwo lag alles zwischen Euphorie über das, was noch vor mir lag, was mir an diesem Tag deutlich wurde, und Melancholie. And it’s enough to drive any sober man crazy. Es war so – und das klingt jetzt natürlich furchtbar kitschig – als hätte ich das erste Mal auf dieser Reise etwas gefunden, und zwar Zuversicht in der Abgeschiedenheit dieses fremden Ortes. Vermutlich lag es daran, dass die dünne Höhenluft die Gedankenprozesse herunterfährt und auf das Wesentliche reduziert, und plötzlich liegt alles ganz klar vor einem, sozusagen in Reinform, und man weiß mit einem Mal sehr deutlich, was zu tun sein wird. Es ist wie eine Glocke, die einem in dieser Höhe über den Kopf gezogen wird und unter der alles langsamer arbeitet, aber unter der eben auch alles klar wird. Zweifel und Angst haben keinen Platz unter dieser Haube, und vielleicht wäre es schlichtweg zu anstrengend, beides zusätzlich ins Denken einzubeziehen. Ich lächelte also und weinte, und der Lava Tower tauchte zwischen den Wolken auf.

Oben angekommen, aber immer noch im Angesicht dieser mächtigen Erhebung in unmittelbarer Nähe, auf die wir noch steigen sollten, gab es dann eine Mittagsrast. Ich ermutigte Tito dazu, sich zu seinen afrikanischen Weggefährten zu gesellen, denn schließlich muss ihm die stumme Zeit des Aufstiegs ziemlich lang geworden sein. Obwohl unsere Pause nicht allzu kurz ausfiel, traf ich Oliver und die Sachsen am Lava Tower nicht. Der Weg führte im Anschluss über brüchiges Gelände in den Barango Canyon hinab, an dessen Ende sich auch das Lager befand. Plötzlich sprossen überall Riesensenezien aus dem Boden, teilweise bis zu drei Meter hoch, und ein sprudelnder Wildbach umspülte die Steine tief unten im Canyon. Die Landschaft sah hier wieder ganz anders aus, und jene Pflanzen sah ich an keinem anderen Ort unserer Route, die ja im Prinzip einmal in südlicher Richtung den Gipfelaufbau des Kibo umrundet, um dann mit der Marangu-Route, der sogenannten Coca-Cola-Route, zusammenzutreffen, um den letzten Anstieg von Osten kommend zu nehmen.

Über die Hauptroute, so erzählten sich die Bergsteiger am Kibo, hatte es vor zwei Jahren auch der russische Oligarch Roman Abramowitsch auf den Gipfel versucht. Die Tatsache, dass er nach der Öffnung der Sowjetunion durch die perestroika auf undurchsichtige Weise zu unfassbarem Reichtum gelangt war, nun zu den vermögendsten Männern Russlands gehörte und am Kilimandscharo Gerüchten zufolge mit 140 Männern Begleitmannschaft unterwegs gewesen war, schützte ihn allerdings nicht davor, aufgrund von »air problems« umkehren zu müssen, wie Tito mir erzählte. Im Barango Camp jedenfalls schien es offenbar Normalität zu sein, dass sich die Leute übergaben. Titos Einschätzung nach zu urteilen war das nichts Ungewöhnliches. Der Lava Tower war auf dieser Route anscheinend eine Bewährungsprobe für die spätere Gipfelnacht. Ich fühlte mich etwas abgeschlagen, hatte aber keine Kopfschmerzen und aß mit viel Appetit das wie immer hervorragende Abendessen.

»What do the papas say?« wollte Tito am nächsten Tag wissen. Schließlich hatten die beiden Sachsen mit dem gestrigen Anstieg ihre liebe Mühe gehabt. Zugegeben, auch mein Ruhepuls war abends sehr hoch gewesen, mein Herz hämmerte gegen die Brust. Das legte sich aber am darauffolgenden Morgen – ein Zeichen dafür, dass die Höhenakklimatisierung Früchte trug. Zum Leidwesen der weniger konditionell fitten Bergtouristen stand nun die Besteigung der Breach Wall auf dem Programm, quasi direkt nach dem Frühstück, um erst einmal richtig ins Schwitzen zu kommen. Dabei handelte es sich um eine rund 200 Meter hohe Wand, über die eine massive Verwerfung in einem der sich vom Gipfel herunterziehende Grate überwunden wird. Gefährlich war das alles nicht, ab und zu bot es sich an, die Hände zu benutzen. Beachtlicher waren da schon die Träger, die das gesamte Gepäck auf ihren Köpfen die Wand heraufbrachten, und dazu noch eine Menge an Trinkwasser, denn im Barango-Tal befand sich die letzte Wasserquelle vor der finalen Gipfeletappe.

Der Vormittag war erneut sehr sonnig, und man traf viele anderer Bergsteiger, die von hier und dort kamen und noch hierhin und dorthin reisen würden. Im Prinzip hatte ich überhaupt keine Lust, schon bald wieder nach Hause zu fliegen. Ich wollte einfach weiter reisen, ohne Ziel, schnell einen Flug für 160 Dollar in einem heruntergekommenen Department einer örtlichen Fluggesellschaft mit defektem Ventilator an der Decke buchen, und dann schon wieder woanders sein. Einfache Lodges, sonnengebräunte Dreitagebart-Surfer und strohblonde Mädchen, Sonnenuntergänge, Jeepfahrten und Reifenpannen, ein Boot mieten, gesundes Essen aus Garküchen, und langsam vergessen, sich zu rasieren – das war es, wonach ich mich sehnte. Aber das würde sich bald natürlich wieder ändern.

Tito und ich kamen dem Karanga Camp derweil immer näher. Dort würden diejenigen, die eine 7-Tages-Tour gebucht hatten, eine weitere Nacht zur Akklimatisierung einlegen, was in jedem Reiseführer dringlichst empfohlen wurde. Lirum larum, dachte ich mir allerdings – Tito und ich stiegen wie vereinbart weiter auf zum Basislager, dem Barafu Camp auf 4650 Metern. An dieser Stelle sei höhentechnisch noch einmal an die Dufourspitze erinnert. Mit der Zeit vergaß ich, wie viele Tage ich schon am Berg war. Es war schlichtweg uninteressant geworden, ob nun Mittwoch oder Sonntag war, denn Zeitungen, Fernsehen und Internet gab es sowieso nicht und marschiert wurde Wochenende wie werktags. Lediglich die Afrikaner lauschten abends mit großem Enthusiasmus der regionalen Sportberichterstattung aus einem kleinen Transistorradio. Was aber nun zu Hause durch meine Twitter-Timeline rauschte, während ich an diesem Berg unterwegs war, interessierte mich nicht im geringsten. Und auch das bedient wieder das Klischee des Part-Time-Ausstiegs, dem Loslassen auf Zeit, aber es ist eben ein schönes Klischee.

Die Sonne vor dem Barafu Camp war brütend heiß, der Wind jedoch ziemlich kalt. Die Bergsteiger auf dem Pfad vor mir bewegten sich wie in Zeitlupe. Langsam, langsam, hatten die Afrikaner gesagt, und hier oben ging es nicht mehr anders. In einigen Metern Entfernung kniete ein Mann am Wegesrand und kotzte einen milchigen Schwall in den braunen Staub. Heute Nacht geht es auf den Gipfel, dachte ich.

Kilimandscharo (2) – Langsam, langsam

Posted in Kilimandscharo 2010 by Philipp on 27/03/2010

Es ging immer ein wenig bergauf, aber das merkte man gar nicht. Kaffee- und Kakaoplantagen streiften das Busfenster, ebenso kleine Kinder in adretten Schuluniformen, überhaupt die ein oder andere primary oder secondary school, auszumachen nur am Empfangsschild, dazu Supermärkte für die durstigen Bergtouristen, als letzte zivilisatorische Fluchtpunkte vor der Wildnis des Berges. Die beiden Sachsen und Oliver hüpften aus dem Van, um etwas bottled water zu kaufen, und wurden sogleich von einigen Händlern bedrängt. Dann wieder das ratternde Geräusch des Motors. Am Straßenrand standen Frauen in bunten Tüchern, die Bananen verkauften, oder wahlweise Ramschsouvenirs. Die Straße stieg gegen Ende doch immer steiler an, und die Vegetation wurde auf den letzten asphaltierten Kilometern zum Machame Gate zunehmend üppiger. Die Besteigung des Kibo über die Machame-Route versprach – so war überall zu lesen gewesen – landschaftlich am reizvollsten zu sein. Tito, mein Bergführer, saß hinter mir im Bus, und auch Roy, der fast zahnlose Guide meiner drei deutschen Reisebegleiter, hatte im hinteren Teil Platz genommen.

Am Machame Gate wird schließlich die horrende Nationalparkgebühr von 650 US-Dollar fällig, was dafür spricht, dass ein großer Anteil der zu entrichtenden Reisekosten nicht etwa dem Bergführer oder dem Koch und den Trägern zugute kommt, sondern zweifelsohne in die Taschen der lokalen Bürokratie fließt. Schnell wurden die permits ausgestellt und das Gepäck umgeladen, und bevor die Sonne, die in Tansania eigentlich fast den ganzen Tag im Zenit steht, ihren höchsten Punkt erreicht hatte, standen wir inmitten des tropischen Bergwalds, der die unteren Hänge des Kilimandscharo-Massivs säumt. Ein paar Affen verständigten sich im undurchdringlichen Grün des Dschungels durch lautes Brüllen von Baum zu Baum. Eine Ameisenstraße kreuzte den Weg. Kopf und Kiefer der Tiere waren zusammengenommen größer als der restliche Teil ihrer Körper, so als wäre es zumindest anatomisch das oberste Ziel, andere Insekten in der Mitte durchzubeißen. Tito riet mir eindringlich, von diesen Ameisen Abstand zu nehmen.

Unsere Gruppe ging sehr langsam. Das hing nicht unbedingt mit dem wohlgeformten Bauch des Sachsen zusammen, der sicher schon einiges an deutscher Hausmannskost und ungezählte Pilsbiere verköstigt hatte – etwas, worauf es zumindest in den kommenden sechs Tagen zu verzichten galt. Vielmehr bekommt der Reisende am Kilimandscharo eigentlich bei jeder erdenklichen Gelegenheit den Ratschlag »polle polle« ans Herz gelegt, also »langsam, langsam«. Dies ist mehr als ein halbgarer Versuch der einheimischen Bevölkerung, den Touristen ein Gefühl von tansanischer Sprache und somit Kultur zu vermitteln. Der Hinweis, möglichst gemächlich aufzusteigen, hat einen praktischen, medizinischen Hintergrund. Am Gipfel des Kibo sind Luftdruck und atmosphärische Sauerstoffdichte nicht einmal mehr halb so groß wie auf Meereshöhe, was einen ausreichenden Akklimatisationsprozess zur physiologischen Anpassung des Körpers unabdingbar macht.

Immer wieder hört man Geschichten von Turnschuh-Japanern, die im nepalesischen Lukla am Tenzing Hillary Airport aus der klapprigen Propellermaschine steigen und sogleich umkippen und ohnmächtig werden. In La Paz soll es sich ähnlich verhalten. Für die Höhenanpassung, worunter hauptsächlich die Erhöhung der Konzentration an roten Blutkörperchen als Träger des Sauerstoffs zu fassen ist, braucht der Körper also Zeit. Und aus diesem Grund gestalten sich die ersten zwei Tage am Berg für einen trainierten Menschen eher als ausgedehnter Spaziergang denn ernstzunehmende Wanderung. Das ist aber auch vollkommen in Ordnung, schließlich braucht man einige Zeit, um überhaupt zu realisieren, dass man sich gerade quasi in einem riesigen, nicht abgeschlossenen und wildwüchsigen Tropenhaus befindet. Bemooste Stämme kreuzen sich in diffuser Undurchsichtigkeit, die feuchte Luft verdichtet sich regelmäßig zu grauen Nebelschwaden, und alles um einen herum ist grün, grün, grün.

Der erste Tag am Kili war noch nicht Realität für mich, sondern eher wie eine Schablone, die mir jemand vor die Augen geschoben hatte. Eben noch Bourbon im Flieger, um einschlafen zu können, plötzlich schweißnasse Haare auf der Stirn und zwei große Augen über einem offenen Mund, der nichts begreift und nichts ausdrücken kann. Wie so oft prägten sich die Bilder, die von den Sinnesorganen ins Bewusstsein eingespeist werden, erst später dort ein. Dennoch: überall um mich herum die Suche nach Wörtern für das, was gerade passiert, in vielen Sprachen. Der eher zwanglose Marsch zum Machame Camp auf etwa 3000 Metern eignete sich derweil bestens für einen ausgedehnten Plausch mit den anderen Reisenden und meinem Bergführer. Als ich mit Tito eine Rast einlegte, überholten uns die Träger, die weiter oben am Berg das Lager für uns errichten würden. Ich erklärte Tito, dass es für mich als Europäer ein schieres Ding der Unmöglichkeit sei, auch nur eine Wasserflasche fünf Meter geradeaus auf dem Kopf zu transportieren, verzichtete aber auf einen Versuch, meine Unfähigkeit unter Beweis zu stellen. Das amüsierte den jungen Mann ungemein und er lachte herzlich wie ein Kind in den feucht-warmen Mittag hinein. »In Africa head is for carrying, in Germany head is for thinking.« So so.

Das Machame Camp sieht aus wie ein versprengtes Flüchtlingslager. Überall stehen Zelte, dazwischen Zedern, Erika-Sträucher und Akazien, etwas lichter schon, aber immer noch deutlich höher als der Mensch. Die Vegetation ist eben überhaupt noch nicht alpin, was in 3000 Metern Höhe befremdlich wirkt, wenn man nur die Alpen kennt, in denen auf gleicher Höhe kein Strauch mehr wächst. Nach der absolvierten Tagesetappe, gegen deren Ende Tito und ich uns schon deutlich von den anderen Bergsteigern abgesetzt hatten, gab es Tee, Kaffee, Popcorn und Erdnüsse. Ich nahm auf einem Klappstuhl Platz, und Tito erzählte mir von Tansania. Zum Beispiel, dass es als Mann möglich war, so viele Frauen zu haben, wie man wollte, solange man für sie zahlen kann. Für Homosexualität gibt es für Männer hingegen 20 Jahre Gefängnis, bei Frauen sind es immerhin noch sieben.

Ich klärte Tito über die Bedeutung seines Kappenschriftzugs auf – es war wie gesagt »beauty hunter« – und auch das fand er ungemein komisch, gab aber an, in festen Händen zu sein. Die Erläuterungen zu Tansanias politischen System erschienen mir aus dem Mund des erst 26 Jahre alten Afrikaners darüber hinaus viel interessanter, als sie in einem Reiseführer nachzulesen. So rückte die Dunkelheit immer näher, die in Tansania schnell kommt und immer zur gleichen Tageszeit, so als würde jemand ein großes, schwarzes Tuch über das Land werfen.

Die Zeit nach dem Abendessen – es wurde üblicherweise gegen 18 Uhr angerichtet und bestand immer aus einer Suppe, einem Hauptgericht mit Reis oder Nudeln sowie Hülsenfrüchten und Karotten in einer pikant-würzigen Soße und einigen Früchten als Nachtisch – verbrachte ich üblicherweise im Gemeinschafts- und Essenszelt von Oliver und den beiden Sachsen. Einer von ihnen wollte seinen 60. Geburtstag auf dem Gipfel des Kibo feiern. Ein ambitioniertes Ziel, keine Frage. Grundsätzlich legten die zwei Herren auf nicht unangenehme Weise eine gewisse Spur von Kolonialherrenmentalität an den Tag, was sich auch darin zeigte, dass ihr Reisegepäck, das von den Trägern transportiert wurde, aus zwei handelsüblichen Koffern bestand, aus denen nach getaner Arbeit die sorgfältig gefalteten, frischen Baumwollhemden hervorgezogen wurden, und das Stofftuch, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Die zwei wurden von den Einheimischen recht schnell nur noch »the papas« genannt. Zwar konnten sie kein Englisch, was die Verständigungsversuche mit ihrem Bergführer Roy immer sehr sehenswert machte, und hatten sicher noch nie etwas von Facebook oder Tony Hawk oder von Vintage-Jeans gehört, wussten aber zum Beispiel einiges aus Mexiko, Burma und Indien zu berichten, und aus manch anderen Ländern, die sie nach dem Fall des Eisernen Vorhangs bereist hatten.

Im Machame Camp herrschten am Tag immer noch angenehme Temperaturen, mit der Dunkelheit zog aber Kühle ins Lager ein. Mein Schlafsack hielt sehr warm, und so verbrachte ich eine erholsame Nacht im Zelt. Am Morgen hatte sich jedoch ein wenig Feuchte über meine Sachen gelegt, aber zum Glück blieb noch etwas Zeit, um die Isomatte und das Handtuch in der Morgensonne zu trocknen. Pünktlich um 8 Uhr regte Tito den Aufbruch an, und schon sehr bald, nachdem er herausgefunden hatte, dass ich ein »fasty one« war, beschloss er, das Schritttempo zu erhöhen, um dem allmittaglichen Regen zu entgehen. Der kam immer um 13 Uhr, danach konnte man die Uhr stellen. Tagesziel war heute das Shira Camp auf knapp 4000 Metern.

Die Landschaft verändert sich an diesem zweiten Tag schon deutlich, bedingt durch das rauere Klima. Der Pfad war von Baum-Heide, Erika-Sträuchern und mannshohen Farnen umsäumt, die das erste Mal den Blick auf die afrikanische Savanne freigaben. Vom Flachland aus betrachtet sieht das Kilimandscharo-Massiv eigentlich gar nicht so hoch aus, von den immer noch niedrigen 3200 Metern aus bekommt der Betrachter das erste Mal ein Gefühl für die nicht unbeachtliche Höhe, in der er sich ja bereits befindet. Weiter oben am Berg hüllte uns Nebel ein, und ein riesenhafter Rabe versuchte Tito die Knochen seines Hühnerschenkels abzujagen. Jetzt wurde auch das Gelände steiler, brüchiger und felsiger. In dem Maße, wie die Höhe zunahm, schrumpfte die Vegetation. Der Marsch zum Shira Camp war aber noch wenig anstrengend, auch wenn die »papas« schon zu kämpfen hatten. Das ließ sich jedoch eher auf ihre Kondition als auf die Höhe zurückführen.

Das Shira Camp wurde, wie zu erwarten war, um die Mittagszeit in grauen Regen getaucht. Im wahrsten Sinne des Wortes blieb nichts anderes zu tun, als abzuwarten und Tee zu trinken. Das konnte man auch eigentlich nicht oft genug tun, denn aufgrund der schnelleren Atmung in größerer Höhe verliert der Körper viel mehr Flüssigkeit als sonst. Ich glaube, Hans Kammerlander hat einmal gesagt, wer auf so einen richtig hohen Berg wolle, der würde damit scheitern, wenn er nicht zwei mal in der Nacht zum Pinkeln raus muss. Um diese durchaus leidige Angelegenheit zu meistern, entwickelte ich im Laufe der Besteigung immer ausgefeiltere Techniken, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. Als die anderen Bergsteiger das Camp erreichten, hatte der Himmel schon wieder aufgerissen, das Sonnenlicht fiel wie gezeichnet durch die Wolken und legte sich über die Ebene. In der Ferne ragte der Mount Meru aus dem Land heraus, ein Vulkan, der über 4600 Meter hoch ist. Was sich im Shira Camp als sehr wohltuend herausstellte, war die warme Wasserschüssel, die dem Reisenden jeden Tag zweimal zum Waschen gereicht wird. Durchaus ein Luxus.

Als Tourist, der man ja nun trotz aller Abenteuerlust ist, fühlt man sich etwas beschämt, wenn man sich abends in seinem Einzelzelt einrichtet, während die afrikanische Entourage Abend für Abend dicht gedrängt in einem einzigen Zelt schläft. Letztlich bringt es aber auch gar nichts, sich ob der eigenen Bequemlichkeit und Faulheit zu verurteilen, denn schließlich beschert der Bergtourismus den Einheimischen bei aller Plackerei ein handfestes Einkommen, das durch die üblichen Trinkgelder nach Abschluss der Tour noch einmal verdoppelt wird. Und man möchte sich nicht vorstellen, wie es um die Stadt Moshi bestellt wäre, fiele dieser Geschäftszweig plötzlich weg. Tansania ist eines der ärmsten Länder der Welt, und der Großteil der Bevölkerung lebt von ein wenig kümmerlicher Agrarwirtschaft. Diesen Berg vor der Haustür zu haben, mit dem so viele von fern angereiste Menschen mit heller Haut tiefe Sehnsüchte verknüpfen, die sie dazu veranlassen, für die Besteigung einen nach Landesverhältnissen exorbitanten Geldbetrag zu zahlen, ist schon ein kleiner Segen.

Man könnte jetzt pathetisch anmerken, dass die Träger ja eigentlich die wahren Helden am Kilimandscharo sind, denn so ganz unbegründet ist diese Übertreibung nicht, aber einen Westler oder von mir aus auch einen Japaner auf diesen Gipfel zu führen, ist nun einmal ein zwar hartes, aber einträgliches Geschäft. Der Afrikaner hat ein gutes Auskommen, der Europäer entflieht für einen Moment seinen Annehmlichkeiten, der Routine seines Alltags, seinem Überfluss, der Sinnentleertheit seines postmodernen Lebens, einem Zustand, in dem er alles haben kann und deshalb nichts, in dem es alles schon gab und gibt, und in dem er immer etwas mehr sucht, als er überhaupt zu kriegen vermag, weil er schon immer so gelebt hat, wie er lebt, und für diese Flucht, dieses Sich-Entziehen, legt er einen ordentlichen Batzen Geld auf den Tisch. Ein bisschen pervers ist das schon.

Im Shira Camp senkte sich die Sonne und strahlte nur noch die höher liegenden Wolkenschichten an. Der Mount Meru war nur noch als Silhouette erkennbar. Jemand im Lager hatte Geburtstag, und es wurde ein Lied angestimmt. Drüben im Zelt scherzten und lachten die Afrikaner noch eine ganze Weile. Sie blieben immer länger wach als die Touristen. Ich setzte mich, bevor ich sehr früh schlafen ging, in gesundem Abstand zum Toilettenhäuschen, das es in dieser Höhe tatsächlich gab, auf einen Felsen, bis mir kalt wurde. Eine zeitlang beobachtete ich nur die wechselnden Lichtverhältnisse, eine Tätigkeit, in der so etwas wie Müßiggang liegt, und die ich als spannend und entspannend zugleich empfand. Die Wolken sahen sehr plastisch aus, so als hätte jemand sie aus Knete geformt, oder vielleicht aus Watte, und sie in die tansanische Steppe gestellt. Ich saß tatsächlich in Schwarzafrika in 4000 Metern Höhe in der Wildnis und blickte über das unter mir liegende Land. In meinem Kopf spielte jemand das alte Lied von Aufbrechen und Ankommen, Nähe und Ferne, Suchen und Nichts-mehr-Suchen, Sehnsucht und Einkehr. Die Nacht war kälter als die vorherige, am Morgen hatte es gefroren.

Kilimandscharo (1) – Hakuna Matata

Posted in Kilimandscharo 2010 by Philipp on 17/03/2010

Der Mann mit der Maschinenpistole lächelte mürrisch die Menschen an, die durch die Passkontrolle kamen. Er ruhte in seiner beigen Uniform etwas abseits auf einem Stuhl und sah für westliche Augen ein bisschen so aus wie ein Milizenführer. Über den Gepäckbändern kreisten im fahlen Neonlicht derweil unzählige Moskitos und anderes Getier nervös durcheinander. Es war halb elf abends und das Thermometer zeigte etwa 25 Grad an. Ich schwitze sehr unter meinem Fleecepullover, aber die Aussicht, bereits am Flughafen von Stechmücken in Beschlag genommen zu werden, erschien mir wenig verlockend. Die meisten Wartenden, von denen nicht wenige durch ihre sonnengegerbte Haut und die Safaribekleidung weltläufige Reiseerfahrung auszustrahlen versuchten, standen also erst einmal in der gedrungenen Eingangshalle herum und wussten nicht so recht, was sie mit der Situation anfangen sollten.

Ich plauderte mit Jenny und Mathias, die ich am Flughafen in Amsterdam kennengelernt hatte. Jennys Gepäck kam jetzt, natürlich, nicht über das Gepäckband gefahren. Wir erfuhren, dass auf den Flügen der KLM, die herunter zum Kilimanjaro Airport gehen, gerne das ein oder andere Gepäckstück liegen bleibt, weil sonst die zulässige Maximaltraglast überschritten würde. Das ist natürlich, so oft es auch passiert, ein echtes Ärgernis. Als ich jedoch meinem Fahrer zu verstehen gab, dass nun eben das Gepäck einer Mitreisenden noch nicht angekommen war, man nun einige Erkundigungen einholen wolle und er doch bitte noch zehn Minuten warten möge, war die Verwirrung perfekt. Offenbar hatte ich den guten Mann mit meinem Englisch maßlos überfordert, er verwies mich etwas hilflos wieder und wieder an die Gepäckstelle und schob mir ein Formular unter die Nase, glaubte er doch, ich selbst würde mein Gepäck vermissen. Das war aber Unsinn, schließlich hing der große, grüne Seesack über meiner Schulter. Irgendwann schien auch mein Fahrer von dieser Sachlage überzeugt zu sein, das Gepäck des Mädchens hingegen lag tatsächlich in Holland. Ich tippte meine Telefonnummer in ein sehr altes Handy, das im Gegensatz zu meinem aber funktionierte. Man würde sich dann ja morgen im Hotel sehen, vermutlich.

Im nächsten Moment saß ich in einem kleinen Van, der in Deutschland definitiv keine TÜV-Zulassung bekommen hätte, und die in regelmäßigen Abständen künstlich über den Asphalt gezogenen Bodenwellen überfuhr der Fahrer noch genau mit einer solchen Geschwindigkeit, bei der er davon ausgehen konnte, dass der Wagen keinen nachhaltigen Schaden davontragen und diese Fahrt von 40 Kilometern nach Moshi somit nicht die letzte für ihn selbst gewesen sein würde, bevor man ihn aufgrund seiner Fahrlässigkeit und des mutwilligen Verschleißes von Firmeneigentum hochkantig hinauswarf. Die Steppe war vom Vollmond hell erleuchtet, am Straßenrand standen einige dürre Büsche. Ab und zu überholten wir Fußgänger, die noch einen weiten Weg vor sich hatten. Die Silhouette des gewaltigen Bergmassivs des Kilimandscharo zeichnete sich im Mondlicht am Horizont ab. Die Position des Berges im Verhältnis zum Fahrzeug schien sich aber während der gesamten Fahrt aufgrund des enormen Ausmaßes dieser topografischen Erhebung überhaupt nicht zu verändern. Durch diese Distanzlosigkeit hatte ich ein bisschen das Gefühl, die Straße würde unter uns auf einer riesigen rotierenden Kugel hinweggezogen, während sich Berg und Wagen, wie auf einer durchsichtigen Ummantelung darüber liegend, keinen Meter von der Stelle bewegten. Einige Gemäuer, zusammengestellte Plastikstühle, Holzkarren und spärliche Laternenbeleuchtung rauschten trotzdem sehr schnell an uns vorbei.

Obwohl ich ein paar Menschen sah, überkam mich ein Gefühl relativ entschiedener Verlassenheit. Also fragte ich den Fahrer, wie viele Einwohner die Stadt Moshi habe, jedoch schien mir seine Antwort »around one million« bei aller betont nachlässigen Großzügigkeit deutlich zu hoch. Das machte aber auch gar nichts, denn es war ohnehin dunkel und ich ein wenig erleichtert, als wir, der Fahrer und ich, dann endlich das Parkview Inn erreichten. Im Badezimmer tötete ich nicht ganz ungeschickt eine Stechmücke, deren Überreste an der weißen Wand kleben blieben, und kroch dann rasch unter das Moskitonetz, weil ich nicht wusste, ob man diesem Malarone wirklich trauen konnte. Im matten Zimmerlicht bahnte sich das engmaschige Netz seinen Weg von der Aufhängung an der Zimmerdecke bis hinab auf mein Laken und ich kam mir vor, als fielen klebrige Riesenspinnweben auf mich herab, wie bei der Spinne Kankra im Herrn der Ringe. Aber ich war eben auch sehr müde an diesem Abend.

Weil es ab spätestens halb neun viel zu heiß war, um schlafen zu können, stand ich trotz dieser typischen Reiseerschöpfung recht früh auf, um ein Frühstück aus scrambled eggs, halbherzig geröstetem Weißbrot und aromatischen Minibananen zu mir zu nehmen. Im Anschluss holte mich mein Guide im Hotel ab. Sein Name war Theodory, oder einfach Tito, und er sah mit seinem schwarz-rot gestreiften Polohemd und der Kappe mit dem Schriftzug »Beauty Hunter« ein bisschen so aus wie eine Mischung aus Zeitungsverkäufer und Tennisspieler. Bereits am immer noch frühen Vormittag fühlte sich meine Stirnhaut schon recht ölig an.

Ich nahm in den Räumlichkeiten von Mauly Tours auf einem durchgesessenen Sofa Platz, um mich über die bevorstehende Besteigung des Kibo unterrichten zu lassen. Jegliche Erläuterungen zur nötigen Ausrüstung, zum Verlauf der Route und zu den zu durchschreitenden Klimazonen waren mir natürlich schon bekannt, ich lauschte jedoch aus Höflichkeit brav dem Vortrag des jungen Afrikaners, denn es schien mir, als sei er sehr stolz darauf, dieses Wissen nun, in diesem bedeutungsträchtigen Moment, vortragen zu können. Vermutlich war das für ihn aber auch nur reine Routine. Um ihm nicht das Gefühl zu geben, ohnehin schon über alles Bescheid zu wissen, stellte ich wohl dosiert einige Zwischenfragen und lieh mir am Ende sogar noch für zehn Dollar ein Paar Gamaschen, deren Mitnahme ich vor Reiseantritt eigentlich als überflüssig erachtet hatte.

Entgegen der meisten anderen Bewohner von Moshi machten die meisten der Bediensteten im Parkview Inn eine Miene, als ob ein naher Verwandter gestorben sei, und deshalb hatte ich keine große Lust, meinen verbleibenden freien Tag dort zu verbringen. Als ich Tito meinen Plan unterbreitete, nun in die Stadt gehen zu wollen, grinste er mich leicht verstohlen an, nuschelte etwas von »you can get robbed« und gab mir mit einem undefinierbaren Achselzucken zu verstehen, dass es wohl bei mir liege, was daraus werde.

Ich ging noch einmal zurück ins Hotel und traf dort Oliver, einen jungen Kerl, der am nächsten Tag zusammen mit mir aufsteigen würde. Nachdem ich erfuhr, dass er bereits seit Weihnachten durch Afrika reiste, an einer Rallye von Marokko über Mauretanien bis in den Senegal teilgenommen hatte, im Zuge dessen in Fés im abendlichen Stadtverkehr beinahe ohne Benzin liegen geblieben, dann aber doch irgendwann von Dhaka nach Johannesburg geflogen war, um einige Wochen in Südafrika zu verbringen, schien mir sein gutgemeinter Ratschlag, dass man sich in Moshi bei Tag keine Sorgen machen müsse, als durchaus annehmbar, und so spazierte ich bei mittlerweile gleißender Mittagssonne die Aga Khan Road hinab in Richtung Mawenzi Road. Es war sehr heiß, der Straßenrand sehr holprig, und ich wirklich sehr weiß in dieser tansanischen Sonne.

In der Ziellosigkeit dieses Tages lag ein gewisser Reiz, aber ich beschloss dennoch, Mathias und Jenny in ihrem Hotel, dem Buffalo, aufzusuchen. Meine Kamera hatte ich im Rucksack verstaut, einer närrischen Hoffnung folgend, ich könne so mir nichts dir nichts ein paar tolle Schnappschüsse dieser gänzlich fremden Stadt einfangen. Je mehr ich mich jedoch in den Gassen verlor, umso unangebrachter und, nun ja, gefährlicher erschien mir dieses Vorhaben. Obwohl die meisten Afrikaner, mit denen ich ins Gespräch kam, sehr freundlich und gebildet waren, ließen die beiläufig fallengelassenen Verweise auf diese oder jene »art gallery« eines Cousins oder Freundes erkennen, dass dieser viel zu weiße Mann in erster Linie ein kleines Geschäft versprach. Und auch wenn man davon ausgehen konnte, dass es sich bei den meisten Zeitgenossen nicht um hinterhältige Straßenräuber handelte, sondern um einfache Einwohner, die ihrem Tagewerk nachgingen, hielt ich die Idee, auf dem übervollen Marktplatz von Moshi meine Kamera aus der Tasche zu ziehen, für keine gute. Vergliche man den Preis meines kleinen Reisebegleiters mit dem durchschnittlichen tansanischen Monatslohn, so würde man zu dem Schluss kommen, dass es bei gegebener Situation eigentlich überhaupt keine andere Möglichkeit gab, als mir diese Kamera mit den dazu nötigen Mitteln abzunehmen. Alles andere wäre absurd. Abgesehen davon gab es aber nicht viel zu rauben, denn in den zwei Stunden, die ich in den Straßen und Gassen verbrachte, sah ich genau zwei Menschen, die annähernd europäisch aussahen. Wenn es hier tatsächlich Touristen gab, dann hielten sie sich alle im Schatten ihrer kleinen Hotels und Hostels auf.

Zu allem Überfluss gab ich an anderer Stelle allzu tölpelhaft meine Ortsunkenntnis preis, sodass mir ein Mann namens Jonathan sogleich anbot, mich zum Buffalo geleiten zu wollen. Ohne zu wissen, weshalb genau, folgte ich dem Mann, der sich selbstverständlich auch als »local artist« entpuppte und mir alsbald seine handgemalten Bilder für zwei Dollar das Stück anbot. Entweder es ist um die Vielseitigkeit der tansanischen Handwerkskunst wahrlich schlecht bestellt, oder aber die vermeintlich selbstgefertigten Drucke stammten doch aus maschineller Hand. Man musste jedenfalls kein blitzgescheiter Mensch sein, um zu erkennen, dass sich die an allen Ecken angebotenen Bilder ziemlich ähnelten. Man hätte auch sagen können, es waren die gleichen. Im Hotel konnte ich derweil niemanden antreffen, also hinterließ ich eine Notiz an der Rezeption. Dumm, unwissend, westlich feilschte ich einige Zeit mit Jonathan darüber, wie viel seine kurze Führung nun wert war und ließ ihn dann mit 2000 tansanischen Schilling davonziehen. Für ihn war es sicher noch ein gutes Geschäft, ich fühlte mich schlecht, als ich daran dachte, wie viel Geld ich manchmal in Deutschland an einem einzigen Abend vertrinke.

Nach einem weiteren Dutzend Gespräche über angebliche Verwandte in Deutschland und unzähligen »hakuna matata brother Phil« bekam ich in erster Linie Hunger und setze mich in ein kleines Straßenrestaurant. Ich bestellte etwas mit chicken und Reis und beobachtete den Koch, wie er unter freiem Himmel ein ganzes Huhn, über dem einige schwarze Fliegen kreisten, mit einem groben Beil in kleine Stücke hackte. In diesem Moment fragte ich mich, was in Gottes Namen ich hier überhaupt gerade tat und mit einem Mal kam ich mir sehr einsam vor. Das hielt ich im zweiten Nachsinnen aber schon wieder für einen dummen Gedanken, vermutlich lag es nur daran, dass Mathias und Jenny nicht im Hotel gewesen waren. Denn eigentlich war ich sehr vergnügt darüber, hier im vollkommenen Nirgendwo auf einem Plastikstuhl zu sitzen und eine Cola aus der Flasche zu trinken.

Und auch wenn man denkt, schon alles aus dem Fernsehen oder dem Internet oder von all den wahnsinnig individuell durch die Welt ziehenden Erasmus-Traveler-Freunden zu kennen, die heutzutage mit einer Selbstverständlichkeit durch Indochina backpacken, als führen sie einen Sonntag ins Naherholungsgebiet Berlin Barnim, lernte ich dort, in Afrika, ein gänzlich neues Gefühl kennen – und zwar das, ein Fremder zu sein. Vielleicht lag es daran, dass ich tatsächlich der einzige Weiße war, den ich seit einer Stunde gesehen hatte, vielleicht auch daran, dass offensichtlich war, dass ich hier keiner Beschäftigung nachging, sondern als Tourist umherreiste. Ich fiel aus dem Bild heraus. Kein Gefühl von multi-kulti, wie man es noch von früher von der kindlichen Aufregung am Flughafen her kannte, oder später ultrahip und kosmopolit-urban von der Kreuzberg-Stipvisite des letzten Berlin-Besuchs, auch kein Gefühl, in einem prickelnd-aufregenden Schmelztiegel der Völkervernetzung durch das Gewühl einer Metropole zu streifen. An diesem frühen Nachmittag des 5. März war ich das erste Mal in meinem Leben wirklich ein Fremder. Nicht, weil ich herablassend behandelt wurde oder die Menschen eine grundweg schlechte Meinung von mir gehabt hätten, sondern weil ich dort war, wie ich dort war. Man konnte es lesen aus dieser Restaurantszene wie aus einem Buch, und erkennen in jedem Schritt, den ich betont gleichgültig versuchte über die erdige und von der ewigen Sonne aufgeheizte Straße zu setzen.

Satt wie ich schließlich war, stellte sich an diesem Punkt meiner Reise nun die alte Frage nach einer ernstzunehmenden Nachmittagsangetrunkenheit. Da so etwas alleine selbst auf Reisen wenig Charme hat und wohl überhaupt nur Spross von viel zu vielen realitätsverzerrenden Romaneindrücken ist, gab ich meinen sportlichen Ambitionen der nächsten Tage einstweilen Vorrang und machte mich zurück auf den Weg ins Hotel. Dort angekommen überkam mich eine große Müdigkeit und bevor ich mich mit einem Buch in den Innenhof setzte, ruhte ich eine Weile auf meinem Zimmer. In der Ferne ragte der schneebedeckte Gipfel des Kilimandscharo aus den Wolken. Der armselige Pool lag etwas deplaziert im Schatten des benachbarten Gebäudes.

Gänzlich unerwartet tauchten auf einmal Mathias und Jenny im Innenhof auf, und es gab ein mittelgroßes Hallo. Angesichts dieser Wendung der Ereignisse kamen wir nun doch nicht umher, einige Kilimanjaro Lager zu ordern und wurden mit nahender Dunkelheit, sitzend und erzählend, zunehmend angetrunkener. Hatte mich im Laufe des Mittags noch das Gefühl einer gewissen Einsamkeit gestreift, entwickelte sich der Tag nun also doch zur vollen Zufriedenheit aller. Allerdings, Jennys Gepäck war immer noch nicht da, und obendrein akzeptierte keine der ortsansässigen Banken ihre Kreditkarten, was zusammengenommen für ein wenig Anspannung sorgte. Soviel kann aber verraten werden: Vor dem Antritt ihrer Gipfelbesteigung kam das vermisste Gepäckstück doch noch an.

Im Anschluss unseres zweistündigen Plauschs gingen wir herüber in die Bristol Lodges, dort trafen wir den Oliver vom Vormittag wieder und obendrei die zwei anderen Herren, mit denen ich meine Tour am Morgen beginnen würde. Es gab chicken curry, süßsaures Gemüse auf Reis, noch mehr Kilimanjaro Lager, und jeder erzählte, was ihn nun zu diesem Berg verschlagen hatte, der da in gut 30 Kilometern von uns aus der Steppe herausragte und seine 5000 Meter Höhenunterschied zum Flachland aus der Ferne in keinster Weise erkennen ließ. Jeder erzählte also, und alles in allem waren wir wirklich ziemlich unterschiedliche Menschen, die da an diesem Tisch saßen, während ein Afrikaner im Smoking sich an einem alten Klavier bemühte, das ohne jeden Zweifel noch aus der Zeit der britischen Kolonialherrschaft stammte, wenn nicht sogar der deutschen.

Die Nacht beginnt früh in Tansania, und so wurden wir recht bald müde. Ab und zu fiel der Strom aus, und die Terrasse, auf der die Essecke eingerichtet war, wurde in Dunkelheit getaucht. Es dauerte immer einige Augenblicke, bis der Notgenerator ansprang, und bis dahin war es still, eine Stille, als könne man nun, wo es kein Geräusch mehr gab, weil Musik und Gespräche verstummten, kurz den Abend selbst hören.

Ins Herz von Afrika: Kilimandscharo-Besteigung im März

Posted in Kilimandscharo 2010 by Philipp on 04/02/2010

Die Überschrift lügt nich: Im März werde ich eine Besteigung des Kilimandscharo wagen. Die Reise ist soweit in trockenen Tüchern, lediglich kleinere Besorgungen und eine Gelbfieberimpfung stehen noch an. Bergsteigen war ja schon häufiger ein Thema dieses Blogs, so soll es auch dieses Mal sein. Diese Unternehmung ist natürlich schon ein Wagnis, aber getreu dem Spruch »Ein Weg entsteht indem man ihn geht« lassen sich Herausforderungen eben nur meistern, wenn man sich ihnen stellt. Und da der Kilimandscharo bergsteigerische Ambitionen und das Bedürfnis nach Naturromantik ebenso bedient wie den latenten Drang, in die Ferne zu ziehen, war es nur logisch, dass ich sowas irgendwann machen würde.

Zum Ablauf der Tour

Ich habe die Reise beim Anbieter Moja Travel gebucht. Das hat den Vorteil, dass man sich eben nicht um alles selbst kümmern muss, zumal eine Besteigung des Kilimandscharo ohnehin die Begleitung eines akkreditierten Bergführers sowie ein Nationalpark-Permit erfordert. So war es bequemer, alles aus einer Hand zu bekommen, als sich vor Ort einen Expeditionsanbieter zu suchen. Schließlich reise ich das erste Mal nach Afrika und da muss man es mit dem Individualismus auch nicht gleich übertreiben.

Nun gut. Ich fliege mit KLM über Amsterdam direkt zum Kilimanjaro Airport, wo mich hoffentlich mein Bergführer empfangen wird. Von dort geht es mit dem Bus in die Stadt Moshi, die sich in unmittelbarer Nähe zum Berg befindet. Dort bleibt mir ein ganzer Tag Zeit, letzte Besorgungen zu machen, Details zur Besteigung mit dem Bergführer zu besprechen und eventuelle andere Reiseteilnehmer kennenzulernen. Die eigentliche Besteigung nimmt dann gute fünf Tage in Anspruch, was zur Akklimatisierung absolut notwendig ist. Auf den genauen Ablauf der Besteigung werde ich aber später noch eingehen.

Zum Kilimandscharo

Der Kilimandscharo liegt im Norden von Tansania, also mitten in Schwarzafrika. Der Name ist eigentlich die Bezeichnung für das gesamte Bergmassiv, in welchem der Kibo mit 5895 Meten über dem Meer die höchste Erhebung darstellt. Die beiden Namen werden allerdings synonym verwendet. 1987 wurde das Kilimandscharo-Massiv von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt, es besteht im wesentlichen aus drei erloschenen Vulkanen. Der Gipfel des Kibo wird Uhuru Peak genannt und ist das eigentliche Ziel, wenn man von einer Kilimandscharo-Besteigung spricht. Mit seinen 5895 Metern ist der Kibo der höchste Berg des afrikanischen Kontinents, somit einer der Seven Summits, und der höchste freistehende Berg der Welt. Eine Besteigung führt im Prinzip durch alle Klimazonen – von tropischem Feuchtwald bis in hochalpines Gelände mit Vergletscherungen.

Das größte Problem ist die Höhe

Der Reiz des Kilimandscharo liegt sicher in seiner exponierten Lage und der Tatsache, dass es sich um einen der Seven Summits handelt. In der Tat ist eine Besteigung des Kibo nicht mit großen bergsteigerischen Schwierigkeiten verbunden. Das, was eine erfolgreiche Besteigung gefährdet, ist die enorme Höhe. Der Gipfel ist in etwa 1000 Meter höher als der Mont Blanc. Absolut unerlässlich ist also eine gute Akklimatisierung. Und selbst dann ist nicht gesagt, dass man wirklich von der Höhenkrankheit verschont bleibt. Leider lässt sich die Höhenanfälligkeit auch nicht trainieren. Die Höhe ist und bleibt das größte Risiko dieser Tour. Deshalb liest man auch öfters den Spruch: »Wer schnell auf den Berg will, sollte langsam gehen.« Und hoch will ich ja.