Kilimandscharo (2) – Langsam, langsam

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Es ging immer ein wenig bergauf, aber das merkte man gar nicht. Kaffee- und Kakaoplantagen streiften das Busfenster, ebenso kleine Kinder in adretten Schuluniformen, überhaupt die ein oder andere primary oder secondary school, auszumachen nur am Empfangsschild, dazu Supermärkte für die durstigen Bergtouristen, als letzte zivilisatorische Fluchtpunkte vor der Wildnis des Berges. Die beiden Sachsen und Oliver hüpften aus dem Van, um etwas bottled water zu kaufen, und wurden sogleich von einigen Händlern bedrängt. Dann wieder das ratternde Geräusch des Motors. Am Straßenrand standen Frauen in bunten Tüchern, die Bananen verkauften, oder wahlweise Ramschsouvenirs. Die Straße stieg gegen Ende doch immer steiler an, und die Vegetation wurde auf den letzten asphaltierten Kilometern zum Machame Gate zunehmend üppiger. Die Besteigung des Kibo über die Machame-Route versprach – so war überall zu lesen gewesen – landschaftlich am reizvollsten zu sein. Tito, mein Bergführer, saß hinter mir im Bus, und auch Roy, der fast zahnlose Guide meiner drei deutschen Reisebegleiter, hatte im hinteren Teil Platz genommen.
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Am Machame Gate wird schließlich die horrende Nationalparkgebühr von 650 US-Dollar fällig, was dafür spricht, dass ein großer Anteil der zu entrichtenden Reisekosten nicht etwa dem Bergführer oder dem Koch und den Trägern zugute kommt, sondern zweifelsohne in die Taschen der lokalen Bürokratie fließt. Schnell wurden die permits ausgestellt und das Gepäck umgeladen, und bevor die Sonne, die in Tansania eigentlich fast den ganzen Tag im Zenit steht, ihren höchsten Punkt erreicht hatte, standen wir inmitten des tropischen Bergwalds, der die unteren Hänge des Kilimandscharo-Massivs säumt. Ein paar Affen verständigten sich im undurchdringlichen Grün des Dschungels durch lautes Brüllen von Baum zu Baum. Eine Ameisenstraße kreuzte den Weg. Kopf und Kiefer der Tiere waren zusammengenommen größer als der restliche Teil ihrer Körper, so als wäre es zumindest anatomisch das oberste Ziel, andere Insekten in der Mitte durchzubeißen. Tito riet mir eindringlich, von diesen Ameisen Abstand zu nehmen.
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Unsere Gruppe ging sehr langsam. Das hing nicht unbedingt mit dem wohlgeformten Bauch des Sachsen zusammen, der sicher schon einiges an deutscher Hausmannskost und ungezählte Pilsbiere verköstigt hatte – etwas, worauf es zumindest in den kommenden sechs Tagen zu verzichten galt. Vielmehr bekommt der Reisende am Kilimandscharo eigentlich bei jeder erdenklichen Gelegenheit den Ratschlag »polle polle« ans Herz gelegt, also »langsam, langsam«. Dies ist mehr als ein halbgarer Versuch der einheimischen Bevölkerung, den Touristen ein Gefühl von tansanischer Sprache und somit Kultur zu vermitteln. Der Hinweis, möglichst gemächlich aufzusteigen, hat einen praktischen, medizinischen Hintergrund. Am Gipfel des Kibo sind Luftdruck und atmosphärische Sauerstoffdichte nicht einmal mehr halb so groß wie auf Meereshöhe, was einen ausreichenden Akklimatisationsprozess zur physiologischen Anpassung des Körpers unabdingbar macht.
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Immer wieder hört man Geschichten von Turnschuh-Japanern, die im nepalesischen Lukla am Tenzing Hillary Airport aus der klapprigen Propellermaschine steigen und sogleich umkippen und ohnmächtig werden. In La Paz soll es sich ähnlich verhalten. Für die Höhenanpassung, worunter hauptsächlich die Erhöhung der Konzentration an roten Blutkörperchen als Träger des Sauerstoffs zu fassen ist, braucht der Körper also Zeit. Und aus diesem Grund gestalten sich die ersten zwei Tage am Berg für einen trainierten Menschen eher als ausgedehnter Spaziergang denn ernstzunehmende Wanderung. Das ist aber auch vollkommen in Ordnung, schließlich braucht man einige Zeit, um überhaupt zu realisieren, dass man sich gerade quasi in einem riesigen, nicht abgeschlossenen und wildwüchsigen Tropenhaus befindet. Bemooste Stämme kreuzen sich in diffuser Undurchsichtigkeit, die feuchte Luft verdichtet sich regelmäßig zu grauen Nebelschwaden, und alles um einen herum ist grün, grün, grün.
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Der erste Tag am Kili war noch nicht Realität für mich, sondern eher wie eine Schablone, die mir jemand vor die Augen geschoben hatte. Eben noch Bourbon im Flieger, um einschlafen zu können, plötzlich schweißnasse Haare auf der Stirn und zwei große Augen über einem offenen Mund, der nichts begreift und nichts ausdrücken kann. Wie so oft prägten sich die Bilder, die von den Sinnesorganen ins Bewusstsein eingespeist werden, erst später dort ein. Dennoch: überall um mich herum die Suche nach Wörtern für das, was gerade passiert, in vielen Sprachen. Der eher zwanglose Marsch zum Machame Camp auf etwa 3000 Metern eignete sich derweil bestens für einen ausgedehnten Plausch mit den anderen Reisenden und meinem Bergführer. Als ich mit Tito eine Rast einlegte, überholten uns die Träger, die weiter oben am Berg das Lager für uns errichten würden. Ich erklärte Tito, dass es für mich als Europäer ein schieres Ding der Unmöglichkeit sei, auch nur eine Wasserflasche fünf Meter geradeaus auf dem Kopf zu transportieren, verzichtete aber auf einen Versuch, meine Unfähigkeit unter Beweis zu stellen. Das amüsierte den jungen Mann ungemein und er lachte herzlich wie ein Kind in den feucht-warmen Mittag hinein. »In Africa head is for carrying, in Germany head is for thinking.« So so.
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Das Machame Camp sieht aus wie ein versprengtes Flüchtlingslager. Überall stehen Zelte, dazwischen Zedern, Erika-Sträucher und Akazien, etwas lichter schon, aber immer noch deutlich höher als der Mensch. Die Vegetation ist eben überhaupt noch nicht alpin, was in 3000 Metern Höhe befremdlich wirkt, wenn man nur die Alpen kennt, in denen auf gleicher Höhe kein Strauch mehr wächst. Nach der absolvierten Tagesetappe, gegen deren Ende Tito und ich uns schon deutlich von den anderen Bergsteigern abgesetzt hatten, gab es Tee, Kaffee, Popcorn und Erdnüsse. Ich nahm auf einem Klappstuhl Platz, und Tito erzählte mir von Tansania. Zum Beispiel, dass es als Mann möglich war, so viele Frauen zu haben, wie man wollte, solange man für sie zahlen kann. Für Homosexualität gibt es für Männer hingegen 20 Jahre Gefängnis, bei Frauen sind es immerhin noch sieben.
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Ich klärte Tito über die Bedeutung seines Kappenschriftzugs auf – es war wie gesagt »beauty hunter« – und auch das fand er ungemein komisch, gab aber an, in festen Händen zu sein. Die Erläuterungen zu Tansanias politischen System erschienen mir aus dem Mund des erst 26 Jahre alten Afrikaners darüber hinaus viel interessanter, als sie in einem Reiseführer nachzulesen. So rückte die Dunkelheit immer näher, die in Tansania schnell kommt und immer zur gleichen Tageszeit, so als würde jemand ein großes, schwarzes Tuch über das Land werfen.
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Die Zeit nach dem Abendessen – es wurde üblicherweise gegen 18 Uhr angerichtet und bestand immer aus einer Suppe, einem Hauptgericht mit Reis oder Nudeln sowie Hülsenfrüchten und Karotten in einer pikant-würzigen Soße und einigen Früchten als Nachtisch – verbrachte ich üblicherweise im Gemeinschafts- und Essenszelt von Oliver und den beiden Sachsen. Einer von ihnen wollte seinen 60. Geburtstag auf dem Gipfel des Kibo feiern. Ein ambitioniertes Ziel, keine Frage. Grundsätzlich legten die zwei Herren auf nicht unangenehme Weise eine gewisse Spur von Kolonialherrenmentalität an den Tag, was sich auch darin zeigte, dass ihr Reisegepäck, das von den Trägern transportiert wurde, aus zwei handelsüblichen Koffern bestand, aus denen nach getaner Arbeit die sorgfältig gefalteten, frischen Baumwollhemden hervorgezogen wurden, und das Stofftuch, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Die zwei wurden von den Einheimischen recht schnell nur noch »the papas« genannt. Zwar konnten sie kein Englisch, was die Verständigungsversuche mit ihrem Bergführer Roy immer sehr sehenswert machte, und hatten sicher noch nie etwas von Facebook oder Tony Hawk oder von Vintage-Jeans gehört, wussten aber zum Beispiel einiges aus Mexiko, Burma und Indien zu berichten, und aus manch anderen Ländern, die sie nach dem Fall des Eisernen Vorhangs bereist hatten.
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Im Machame Camp herrschten am Tag immer noch angenehme Temperaturen, mit der Dunkelheit zog aber Kühle ins Lager ein. Mein Schlafsack hielt sehr warm, und so verbrachte ich eine erholsame Nacht im Zelt. Am Morgen hatte sich jedoch ein wenig Feuchte über meine Sachen gelegt, aber zum Glück blieb noch etwas Zeit, um die Isomatte und das Handtuch in der Morgensonne zu trocknen. Pünktlich um 8 Uhr regte Tito den Aufbruch an, und schon sehr bald, nachdem er herausgefunden hatte, dass ich ein »fasty one« war, beschloss er, das Schritttempo zu erhöhen, um dem allmittaglichen Regen zu entgehen. Der kam immer um 13 Uhr, danach konnte man die Uhr stellen. Tagesziel war heute das Shira Camp auf knapp 4000 Metern.
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Die Landschaft verändert sich an diesem zweiten Tag schon deutlich, bedingt durch das rauere Klima. Der Pfad war von Baum-Heide, Erika-Sträuchern und mannshohen Farnen umsäumt, die das erste Mal den Blick auf die afrikanische Savanne freigaben. Vom Flachland aus betrachtet sieht das Kilimandscharo-Massiv eigentlich gar nicht so hoch aus, von den immer noch niedrigen 3200 Metern aus bekommt der Betrachter das erste Mal ein Gefühl für die nicht unbeachtliche Höhe, in der er sich ja bereits befindet. Weiter oben am Berg hüllte uns Nebel ein, und ein riesenhafter Rabe versuchte Tito die Knochen seines Hühnerschenkels abzujagen. Jetzt wurde auch das Gelände steiler, brüchiger und felsiger. In dem Maße, wie die Höhe zunahm, schrumpfte die Vegetation. Der Marsch zum Shira Camp war aber noch wenig anstrengend, auch wenn die »papas« schon zu kämpfen hatten. Das ließ sich jedoch eher auf ihre Kondition als auf die Höhe zurückführen.
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Das Shira Camp wurde, wie zu erwarten war, um die Mittagszeit in grauen Regen getaucht. Im wahrsten Sinne des Wortes blieb nichts anderes zu tun, als abzuwarten und Tee zu trinken. Das konnte man auch eigentlich nicht oft genug tun, denn aufgrund der schnelleren Atmung in größerer Höhe verliert der Körper viel mehr Flüssigkeit als sonst. Ich glaube, Hans Kammerlander hat einmal gesagt, wer auf so einen richtig hohen Berg wolle, der würde damit scheitern, wenn er nicht zwei mal in der Nacht zum Pinkeln raus muss. Um diese durchaus leidige Angelegenheit zu meistern, entwickelte ich im Laufe der Besteigung immer ausgefeiltere Techniken, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. Als die anderen Bergsteiger das Camp erreichten, hatte der Himmel schon wieder aufgerissen, das Sonnenlicht fiel wie gezeichnet durch die Wolken und legte sich über die Ebene. In der Ferne ragte der Mount Meru aus dem Land heraus, ein Vulkan, der über 4600 Meter hoch ist. Was sich im Shira Camp als sehr wohltuend herausstellte, war die warme Wasserschüssel, die dem Reisenden jeden Tag zweimal zum Waschen gereicht wird. Durchaus ein Luxus.
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Als Tourist, der man ja nun trotz aller Abenteuerlust ist, fühlt man sich etwas beschämt, wenn man sich abends in seinem Einzelzelt einrichtet, während die afrikanische Entourage Abend für Abend dicht gedrängt in einem einzigen Zelt schläft. Letztlich bringt es aber auch gar nichts, sich ob der eigenen Bequemlichkeit und Faulheit zu verurteilen, denn schließlich beschert der Bergtourismus den Einheimischen bei aller Plackerei ein handfestes Einkommen, das durch die üblichen Trinkgelder nach Abschluss der Tour noch einmal verdoppelt wird. Und man möchte sich nicht vorstellen, wie es um die Stadt Moshi bestellt wäre, fiele dieser Geschäftszweig plötzlich weg. Tansania ist eines der ärmsten Länder der Welt, und der Großteil der Bevölkerung lebt von ein wenig kümmerlicher Agrarwirtschaft. Diesen Berg vor der Haustür zu haben, mit dem so viele von fern angereiste Menschen mit heller Haut tiefe Sehnsüchte verknüpfen, die sie dazu veranlassen, für die Besteigung einen nach Landesverhältnissen exorbitanten Geldbetrag zu zahlen, ist schon ein kleiner Segen.
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Man könnte jetzt pathetisch anmerken, dass die Träger ja eigentlich die wahren Helden am Kilimandscharo sind, denn so ganz unbegründet ist diese Übertreibung nicht, aber einen Westler oder von mir aus auch einen Japaner auf diesen Gipfel zu führen, ist nun einmal ein zwar hartes, aber einträgliches Geschäft. Der Afrikaner hat ein gutes Auskommen, der Europäer entflieht für einen Moment seinen Annehmlichkeiten, der Routine seines Alltags, seinem Überfluss, der Sinnentleertheit seines postmodernen Lebens, einem Zustand, in dem er alles haben kann und deshalb nichts, in dem es alles schon gab und gibt, und in dem er immer etwas mehr sucht, als er überhaupt zu kriegen vermag, weil er schon immer so gelebt hat, wie er lebt, und für diese Flucht, dieses Sich-Entziehen, legt er einen ordentlichen Batzen Geld auf den Tisch. Ein bisschen pervers ist das schon.
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Im Shira Camp senkte sich die Sonne und strahlte nur noch die höher liegenden Wolkenschichten an. Der Mount Meru war nur noch als Silhouette erkennbar. Jemand im Lager hatte Geburtstag, und es wurde ein Lied angestimmt. Drüben im Zelt scherzten und lachten die Afrikaner noch eine ganze Weile. Sie blieben immer länger wach als die Touristen. Ich setzte mich, bevor ich sehr früh schlafen ging, in gesundem Abstand zum Toilettenhäuschen, das es in dieser Höhe tatsächlich gab, auf einen Felsen, bis mir kalt wurde. Eine zeitlang beobachtete ich nur die wechselnden Lichtverhältnisse, eine Tätigkeit, in der so etwas wie Müßiggang liegt, und die ich als spannend und entspannend zugleich empfand. Die Wolken sahen sehr plastisch aus, so als hätte jemand sie aus Knete geformt, oder vielleicht aus Watte, und sie in die tansanische Steppe gestellt. Ich saß tatsächlich in Schwarzafrika in 4000 Metern Höhe in der Wildnis und blickte über das unter mir liegende Land. In meinem Kopf spielte jemand das alte Lied von Aufbrechen und Ankommen, Nähe und Ferne, Suchen und Nichts-mehr-Suchen, Sehnsucht und Einkehr. Die Nacht war kälter als die vorherige, am Morgen hatte es gefroren.
Kilimandscharo (1) – Hakuna Matata

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Der Mann mit der Maschinenpistole lächelte mürrisch die Menschen an, die durch die Passkontrolle kamen. Er ruhte in seiner beigen Uniform etwas abseits auf einem Stuhl und sah für westliche Augen ein bisschen so aus wie ein Milizenführer. Über den Gepäckbändern kreisten im fahlen Neonlicht derweil unzählige Moskitos und anderes Getier nervös durcheinander. Es war halb elf abends und das Thermometer zeigte etwa 25 Grad an. Ich schwitze sehr unter meinem Fleecepullover, aber die Aussicht, bereits am Flughafen von Stechmücken in Beschlag genommen zu werden, erschien mir wenig verlockend. Die meisten Wartenden, von denen nicht wenige durch ihre sonnengegerbte Haut und die Safaribekleidung weltläufige Reiseerfahrung auszustrahlen versuchten, standen also erst einmal in der gedrungenen Eingangshalle herum und wussten nicht so recht, was sie mit der Situation anfangen sollten.
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Ich plauderte mit Jenny und Mathias, die ich am Flughafen in Amsterdam kennengelernt hatte. Jennys Gepäck kam jetzt, natürlich, nicht über das Gepäckband gefahren. Wir erfuhren, dass auf den Flügen der KLM, die herunter zum Kilimanjaro Airport gehen, gerne das ein oder andere Gepäckstück liegen bleibt, weil sonst die zulässige Maximaltraglast überschritten würde. Das ist natürlich, so oft es auch passiert, ein echtes Ärgernis. Als ich jedoch meinem Fahrer zu verstehen gab, dass nun eben das Gepäck einer Mitreisenden noch nicht angekommen war, man nun einige Erkundigungen einholen wolle und er doch bitte noch zehn Minuten warten möge, war die Verwirrung perfekt. Offenbar hatte ich den guten Mann mit meinem Englisch maßlos überfordert, er verwies mich etwas hilflos wieder und wieder an die Gepäckstelle und schob mir ein Formular unter die Nase, glaubte er doch, ich selbst würde mein Gepäck vermissen. Das war aber Unsinn, schließlich hing der große, grüne Seesack über meiner Schulter. Irgendwann schien auch mein Fahrer von dieser Sachlage überzeugt zu sein, das Gepäck des Mädchens hingegen lag tatsächlich in Holland. Ich tippte meine Telefonnummer in ein sehr altes Handy, das im Gegensatz zu meinem aber funktionierte. Man würde sich dann ja morgen im Hotel sehen, vermutlich.
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Im nächsten Moment saß ich in einem kleinen Van, der in Deutschland definitiv keine TÜV-Zulassung bekommen hätte, und die in regelmäßigen Abständen künstlich über den Asphalt gezogenen Bodenwellen überfuhr der Fahrer noch genau mit einer solchen Geschwindigkeit, bei der er davon ausgehen konnte, dass der Wagen keinen nachhaltigen Schaden davontragen und diese Fahrt von 40 Kilometern nach Moshi somit nicht die letzte für ihn selbst gewesen sein würde, bevor man ihn aufgrund seiner Fahrlässigkeit und des mutwilligen Verschleißes von Firmeneigentum hochkantig hinauswarf. Die Steppe war vom Vollmond hell erleuchtet, am Straßenrand standen einige dürre Büsche. Ab und zu überholten wir Fußgänger, die noch einen weiten Weg vor sich hatten. Die Silhouette des gewaltigen Bergmassivs des Kilimandscharo zeichnete sich im Mondlicht am Horizont ab. Die Position des Berges im Verhältnis zum Fahrzeug schien sich aber während der gesamten Fahrt aufgrund des enormen Ausmaßes dieser topografischen Erhebung überhaupt nicht zu verändern. Durch diese Distanzlosigkeit hatte ich ein bisschen das Gefühl, die Straße würde unter uns auf einer riesigen rotierenden Kugel hinweggezogen, während sich Berg und Wagen, wie auf einer durchsichtigen Ummantelung darüber liegend, keinen Meter von der Stelle bewegten. Einige Gemäuer, zusammengestellte Plastikstühle, Holzkarren und spärliche Laternenbeleuchtung rauschten trotzdem sehr schnell an uns vorbei.
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Obwohl ich ein paar Menschen sah, überkam mich ein Gefühl relativ entschiedener Verlassenheit. Also fragte ich den Fahrer, wie viele Einwohner die Stadt Moshi habe, jedoch schien mir seine Antwort »around one million« bei aller betont nachlässigen Großzügigkeit deutlich zu hoch. Das machte aber auch gar nichts, denn es war ohnehin dunkel und ich ein wenig erleichtert, als wir, der Fahrer und ich, dann endlich das Parkview Inn erreichten. Im Badezimmer tötete ich nicht ganz ungeschickt eine Stechmücke, deren Überreste an der weißen Wand kleben blieben, und kroch dann rasch unter das Moskitonetz, weil ich nicht wusste, ob man diesem Malarone wirklich trauen konnte. Im matten Zimmerlicht bahnte sich das engmaschige Netz seinen Weg von der Aufhängung an der Zimmerdecke bis hinab auf mein Laken und ich kam mir vor, als fielen klebrige Riesenspinnweben auf mich herab, wie bei der Spinne Kankra im Herrn der Ringe. Aber ich war eben auch sehr müde an diesem Abend.
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Weil es ab spätestens halb neun viel zu heiß war, um schlafen zu können, stand ich trotz dieser typischen Reiseerschöpfung recht früh auf, um ein Frühstück aus scrambled eggs, halbherzig geröstetem Weißbrot und aromatischen Minibananen zu mir zu nehmen. Im Anschluss holte mich mein Guide im Hotel ab. Sein Name war Theodory, oder einfach Tito, und er sah mit seinem schwarz-rot gestreiften Polohemd und der Kappe mit dem Schriftzug »Beauty Hunter« ein bisschen so aus wie eine Mischung aus Zeitungsverkäufer und Tennisspieler. Bereits am immer noch frühen Vormittag fühlte sich meine Stirnhaut schon recht ölig an.
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Ich nahm in den Räumlichkeiten von Mauly Tours auf einem durchgesessenen Sofa Platz, um mich über die bevorstehende Besteigung des Kibo unterrichten zu lassen. Jegliche Erläuterungen zur nötigen Ausrüstung, zum Verlauf der Route und zu den zu durchschreitenden Klimazonen waren mir natürlich schon bekannt, ich lauschte jedoch aus Höflichkeit brav dem Vortrag des jungen Afrikaners, denn es schien mir, als sei er sehr stolz darauf, dieses Wissen nun, in diesem bedeutungsträchtigen Moment, vortragen zu können. Vermutlich war das für ihn aber auch nur reine Routine. Um ihm nicht das Gefühl zu geben, ohnehin schon über alles Bescheid zu wissen, stellte ich wohl dosiert einige Zwischenfragen und lieh mir am Ende sogar noch für zehn Dollar ein Paar Gamaschen, deren Mitnahme ich vor Reiseantritt eigentlich als überflüssig erachtet hatte.
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Entgegen der meisten anderen Bewohner von Moshi machten die meisten der Bediensteten im Parkview Inn eine Miene, als ob ein naher Verwandter gestorben sei, und deshalb hatte ich keine große Lust, meinen verbleibenden freien Tag dort zu verbringen. Als ich Tito meinen Plan unterbreitete, nun in die Stadt gehen zu wollen, grinste er mich leicht verstohlen an, nuschelte etwas von »you can get robbed« und gab mir mit einem undefinierbaren Achselzucken zu verstehen, dass es wohl bei mir liege, was daraus werde.
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Ich ging noch einmal zurück ins Hotel und traf dort Oliver, einen jungen Kerl, der am nächsten Tag zusammen mit mir aufsteigen würde. Nachdem ich erfuhr, dass er bereits seit Weihnachten durch Afrika reiste, an einer Rallye von Marokko über Mauretanien bis in den Senegal teilgenommen hatte, im Zuge dessen in Fés im abendlichen Stadtverkehr beinahe ohne Benzin liegen geblieben, dann aber doch irgendwann von Dhaka nach Johannesburg geflogen war, um einige Wochen in Südafrika zu verbringen, schien mir sein gutgemeinter Ratschlag, dass man sich in Moshi bei Tag keine Sorgen machen müsse, als durchaus annehmbar, und so spazierte ich bei mittlerweile gleißender Mittagssonne die Aga Khan Road hinab in Richtung Mawenzi Road. Es war sehr heiß, der Straßenrand sehr holprig, und ich wirklich sehr weiß in dieser tansanischen Sonne.
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In der Ziellosigkeit dieses Tages lag ein gewisser Reiz, aber ich beschloss dennoch, Mathias und Jenny in ihrem Hotel, dem Buffalo, aufzusuchen. Meine Kamera hatte ich im Rucksack verstaut, einer närrischen Hoffnung folgend, ich könne so mir nichts dir nichts ein paar tolle Schnappschüsse dieser gänzlich fremden Stadt einfangen. Je mehr ich mich jedoch in den Gassen verlor, umso unangebrachter und, nun ja, gefährlicher erschien mir dieses Vorhaben. Obwohl die meisten Afrikaner, mit denen ich ins Gespräch kam, sehr freundlich und gebildet waren, ließen die beiläufig fallengelassenen Verweise auf diese oder jene »art gallery« eines Cousins oder Freundes erkennen, dass dieser viel zu weiße Mann in erster Linie ein kleines Geschäft versprach. Und auch wenn man davon ausgehen konnte, dass es sich bei den meisten Zeitgenossen nicht um hinterhältige Straßenräuber handelte, sondern um einfache Einwohner, die ihrem Tagewerk nachgingen, hielt ich die Idee, auf dem übervollen Marktplatz von Moshi meine Kamera aus der Tasche zu ziehen, für keine gute. Vergliche man den Preis meines kleinen Reisebegleiters mit dem durchschnittlichen tansanischen Monatslohn, so würde man zu dem Schluss kommen, dass es bei gegebener Situation eigentlich überhaupt keine andere Möglichkeit gab, als mir diese Kamera mit den dazu nötigen Mitteln abzunehmen. Alles andere wäre absurd. Abgesehen davon gab es aber nicht viel zu rauben, denn in den zwei Stunden, die ich in den Straßen und Gassen verbrachte, sah ich genau zwei Menschen, die annähernd europäisch aussahen. Wenn es hier tatsächlich Touristen gab, dann hielten sie sich alle im Schatten ihrer kleinen Hotels und Hostels auf.
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Zu allem Überfluss gab ich an anderer Stelle allzu tölpelhaft meine Ortsunkenntnis preis, sodass mir ein Mann namens Jonathan sogleich anbot, mich zum Buffalo geleiten zu wollen. Ohne zu wissen, weshalb genau, folgte ich dem Mann, der sich selbstverständlich auch als »local artist« entpuppte und mir alsbald seine handgemalten Bilder für zwei Dollar das Stück anbot. Entweder es ist um die Vielseitigkeit der tansanischen Handwerkskunst wahrlich schlecht bestellt, oder aber die vermeintlich selbstgefertigten Drucke stammten doch aus maschineller Hand. Man musste jedenfalls kein blitzgescheiter Mensch sein, um zu erkennen, dass sich die an allen Ecken angebotenen Bilder ziemlich ähnelten. Man hätte auch sagen können, es waren die gleichen. Im Hotel konnte ich derweil niemanden antreffen, also hinterließ ich eine Notiz an der Rezeption. Dumm, unwissend, westlich feilschte ich einige Zeit mit Jonathan darüber, wie viel seine kurze Führung nun wert war und ließ ihn dann mit 2000 tansanischen Schilling davonziehen. Für ihn war es sicher noch ein gutes Geschäft, ich fühlte mich schlecht, als ich daran dachte, wie viel Geld ich manchmal in Deutschland an einem einzigen Abend vertrinke.
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Nach einem weiteren Dutzend Gespräche über angebliche Verwandte in Deutschland und unzähligen »hakuna matata brother Phil« bekam ich in erster Linie Hunger und setze mich in ein kleines Straßenrestaurant. Ich bestellte etwas mit chicken und Reis und beobachtete den Koch, wie er unter freiem Himmel ein ganzes Huhn, über dem einige schwarze Fliegen kreisten, mit einem groben Beil in kleine Stücke hackte. In diesem Moment fragte ich mich, was in Gottes Namen ich hier überhaupt gerade tat und mit einem Mal kam ich mir sehr einsam vor. Das hielt ich im zweiten Nachsinnen aber schon wieder für einen dummen Gedanken, vermutlich lag es nur daran, dass Mathias und Jenny nicht im Hotel gewesen waren. Denn eigentlich war ich sehr vergnügt darüber, hier im vollkommenen Nirgendwo auf einem Plastikstuhl zu sitzen und eine Cola aus der Flasche zu trinken.
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Und auch wenn man denkt, schon alles aus dem Fernsehen oder dem Internet oder von all den wahnsinnig individuell durch die Welt ziehenden Erasmus-Traveler-Freunden zu kennen, die heutzutage mit einer Selbstverständlichkeit durch Indochina backpacken, als führen sie einen Sonntag ins Naherholungsgebiet Berlin Barnim, lernte ich dort, in Afrika, ein gänzlich neues Gefühl kennen – und zwar das, ein Fremder zu sein. Vielleicht lag es daran, dass ich tatsächlich der einzige Weiße war, den ich seit einer Stunde gesehen hatte, vielleicht auch daran, dass offensichtlich war, dass ich hier keiner Beschäftigung nachging, sondern als Tourist umherreiste. Ich fiel aus dem Bild heraus. Kein Gefühl von multi-kulti, wie man es noch von früher von der kindlichen Aufregung am Flughafen her kannte, oder später ultrahip und kosmopolit-urban von der Kreuzberg-Stipvisite des letzten Berlin-Besuchs, auch kein Gefühl, in einem prickelnd-aufregenden Schmelztiegel der Völkervernetzung durch das Gewühl einer Metropole zu streifen. An diesem frühen Nachmittag des 5. März war ich das erste Mal in meinem Leben wirklich ein Fremder. Nicht, weil ich herablassend behandelt wurde oder die Menschen eine grundweg schlechte Meinung von mir gehabt hätten, sondern weil ich dort war, wie ich dort war. Man konnte es lesen aus dieser Restaurantszene wie aus einem Buch, und erkennen in jedem Schritt, den ich betont gleichgültig versuchte über die erdige und von der ewigen Sonne aufgeheizte Straße zu setzen.
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Satt wie ich schließlich war, stellte sich an diesem Punkt meiner Reise nun die alte Frage nach einer ernstzunehmenden Nachmittagsangetrunkenheit. Da so etwas alleine selbst auf Reisen wenig Charme hat und wohl überhaupt nur Spross von viel zu vielen realitätsverzerrenden Romaneindrücken ist, gab ich meinen sportlichen Ambitionen der nächsten Tage einstweilen Vorrang und machte mich zurück auf den Weg ins Hotel. Dort angekommen überkam mich eine große Müdigkeit und bevor ich mich mit einem Buch in den Innenhof setzte, ruhte ich eine Weile auf meinem Zimmer. In der Ferne ragte der schneebedeckte Gipfel des Kilimandscharo aus den Wolken. Der armselige Pool lag etwas deplaziert im Schatten des benachbarten Gebäudes.
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Gänzlich unerwartet tauchten auf einmal Mathias und Jenny im Innenhof auf, und es gab ein mittelgroßes Hallo. Angesichts dieser Wendung der Ereignisse kamen wir nun doch nicht umher, einige Kilimanjaro Lager zu ordern und wurden mit nahender Dunkelheit, sitzend und erzählend, zunehmend angetrunkener. Hatte mich im Laufe des Mittags noch das Gefühl einer gewissen Einsamkeit gestreift, entwickelte sich der Tag nun also doch zur vollen Zufriedenheit aller. Allerdings, Jennys Gepäck war immer noch nicht da, und obendrein akzeptierte keine der ortsansässigen Banken ihre Kreditkarten, was zusammengenommen für ein wenig Anspannung sorgte. Soviel kann aber verraten werden: Vor dem Antritt ihrer Gipfelbesteigung kam das vermisste Gepäckstück doch noch an.
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Im Anschluss unseres zweistündigen Plauschs gingen wir herüber in die Bristol Lodges, dort trafen wir den Oliver vom Vormittag wieder und obendrei die zwei anderen Herren, mit denen ich meine Tour am Morgen beginnen würde. Es gab chicken curry, süßsaures Gemüse auf Reis, noch mehr Kilimanjaro Lager, und jeder erzählte, was ihn nun zu diesem Berg verschlagen hatte, der da in gut 30 Kilometern von uns aus der Steppe herausragte und seine 5000 Meter Höhenunterschied zum Flachland aus der Ferne in keinster Weise erkennen ließ. Jeder erzählte also, und alles in allem waren wir wirklich ziemlich unterschiedliche Menschen, die da an diesem Tisch saßen, während ein Afrikaner im Smoking sich an einem alten Klavier bemühte, das ohne jeden Zweifel noch aus der Zeit der britischen Kolonialherrschaft stammte, wenn nicht sogar der deutschen.
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Die Nacht beginnt früh in Tansania, und so wurden wir recht bald müde. Ab und zu fiel der Strom aus, und die Terrasse, auf der die Essecke eingerichtet war, wurde in Dunkelheit getaucht. Es dauerte immer einige Augenblicke, bis der Notgenerator ansprang, und bis dahin war es still, eine Stille, als könne man nun, wo es kein Geräusch mehr gab, weil Musik und Gespräche verstummten, kurz den Abend selbst hören.
Ins Herz von Afrika: Kilimandscharo-Besteigung im März

Die Überschrift lügt nich: Im März werde ich eine Besteigung des Kilimandscharo wagen. Die Reise ist soweit in trockenen Tüchern, lediglich kleinere Besorgungen und eine Gelbfieberimpfung stehen noch an. Bergsteigen war ja schon häufiger ein Thema dieses Blogs, so soll es auch dieses Mal sein. Diese Unternehmung ist natürlich schon ein Wagnis, aber getreu dem Spruch »Ein Weg entsteht indem man ihn geht« lassen sich Herausforderungen eben nur meistern, wenn man sich ihnen stellt. Und da der Kilimandscharo bergsteigerische Ambitionen und das Bedürfnis nach Naturromantik ebenso bedient wie den latenten Drang, in die Ferne zu ziehen, war es nur logisch, dass ich sowas irgendwann machen würde.
Zum Ablauf der Tour
Ich habe die Reise beim Anbieter Moja Travel gebucht. Das hat den Vorteil, dass man sich eben nicht um alles selbst kümmern muss, zumal eine Besteigung des Kilimandscharo ohnehin die Begleitung eines akkreditierten Bergführers sowie ein Nationalpark-Permit erfordert. So war es bequemer, alles aus einer Hand zu bekommen, als sich vor Ort einen Expeditionsanbieter zu suchen. Schließlich reise ich das erste Mal nach Afrika und da muss man es mit dem Individualismus auch nicht gleich übertreiben.
Nun gut. Ich fliege mit KLM über Amsterdam direkt zum Kilimanjaro Airport, wo mich hoffentlich mein Bergführer empfangen wird. Von dort geht es mit dem Bus in die Stadt Moshi, die sich in unmittelbarer Nähe zum Berg befindet. Dort bleibt mir ein ganzer Tag Zeit, letzte Besorgungen zu machen, Details zur Besteigung mit dem Bergführer zu besprechen und eventuelle andere Reiseteilnehmer kennenzulernen. Die eigentliche Besteigung nimmt dann gute fünf Tage in Anspruch, was zur Akklimatisierung absolut notwendig ist. Auf den genauen Ablauf der Besteigung werde ich aber später noch eingehen.
Zum Kilimandscharo
Der Kilimandscharo liegt im Norden von Tansania, also mitten in Schwarzafrika. Der Name ist eigentlich die Bezeichnung für das gesamte Bergmassiv, in welchem der Kibo mit 5895 Meten über dem Meer die höchste Erhebung darstellt. Die beiden Namen werden allerdings synonym verwendet. 1987 wurde das Kilimandscharo-Massiv von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt, es besteht im wesentlichen aus drei erloschenen Vulkanen. Der Gipfel des Kibo wird Uhuru Peak genannt und ist das eigentliche Ziel, wenn man von einer Kilimandscharo-Besteigung spricht. Mit seinen 5895 Metern ist der Kibo der höchste Berg des afrikanischen Kontinents, somit einer der Seven Summits, und der höchste freistehende Berg der Welt. Eine Besteigung führt im Prinzip durch alle Klimazonen – von tropischem Feuchtwald bis in hochalpines Gelände mit Vergletscherungen.
Das größte Problem ist die Höhe
Der Reiz des Kilimandscharo liegt sicher in seiner exponierten Lage und der Tatsache, dass es sich um einen der Seven Summits handelt. In der Tat ist eine Besteigung des Kibo nicht mit großen bergsteigerischen Schwierigkeiten verbunden. Das, was eine erfolgreiche Besteigung gefährdet, ist die enorme Höhe. Der Gipfel ist in etwa 1000 Meter höher als der Mont Blanc. Absolut unerlässlich ist also eine gute Akklimatisierung. Und selbst dann ist nicht gesagt, dass man wirklich von der Höhenkrankheit verschont bleibt. Leider lässt sich die Höhenanfälligkeit auch nicht trainieren. Die Höhe ist und bleibt das größte Risiko dieser Tour. Deshalb liest man auch öfters den Spruch: »Wer schnell auf den Berg will, sollte langsam gehen.« Und hoch will ich ja.


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