Die Geschichte vom Berlin-Marathon

Startnummer.
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Sie hatten alle vor dem Regen gewarnt. Hart könne es da werden, und die Wegstrecke sich ganz schön in die Länge ziehen. Auf meinen Schultern landen Wassertropfen, die das Royalblau des Oberteils dunkler färben, bis sie ganz im Stoff zerlaufen und sich der Unterschied zwischen trockenen und nassen Stellen aufhebt. Mein Bruder und ich finden keine Plastiktüte. Irgendwo werden sie verteilt, wir sehen niemanden. Das Profil der Sportschuhe will sich nicht so recht mit der Beschaffenheit des Kopfsteinpflasters arrangieren. Ich habe das Gefühl, ein wenig ungelenk und wackelig zu laufen, Richtung Startlinie. Die Stadt schläft noch, nur die Läufer nicht. Regen sammelt sich in den Pfützen, die noch in Laub stehenden Bäume tragen einen Dunstschleier. Ein grauer Tag hängt über dem Regierungsviertel. Die Luft ist nasskalt. Sie ruft nach der Schutzzone Bett, nach Regenprasseln am Fenster, nach Verkriechen und Verharren, bis die Wolken verschwinden.
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Mein Bruder und ich sind schon seit zwei Stunden wach, feiner Regen weht uns ins Gesicht. Wir haben endlich Plastiktüten gefunden. Wir werden also nicht mehr durchnässen, bevor wir loslaufen können. Ein nicht endender Menschenstrom schiebt sich über die Wege des Tiergartens, auch wir reihen uns ein. Auf der breiten Prachtstraße soll der Lauf beginnen, mit eben so viel Glanz und Glorie, wie es das Wetter an einem solchen Tag erlaubt. Musik aus großen Lautsprechern versucht, die Läufer in Stimmung bringen. Der Ton ist grell und laut, er tut in den Ohren weh. Die Läufertraube kommt zum Stillstand. Zeit, sich zu sammeln. Der Start ist immer Euphorie. Noch spürt man die Beine, die einen tragen werden, nicht. Aber das Wissen darüber, was vor einem liegt, kann man an diesem Morgen in den Gesichtern ablesen.
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Es ist immer so, dass der Kopf sich der gesamten Entfernung, die nun vor einem liegt, bewusst ist, und doch wird sie sofort in kleine Wegstrecken zerlegt, die alles einfacher machen sollen. Die Bewegung durch Raum und Zeit erfolgt immer in Bezug auf zwei Fokuspunkte. Das ist wichtig. Wer sich stets die gesamte Distanz vor Augen führt, wird vermutlich aufgeben, weil die Herausforderung dann zu etwas Unüberwindbarem anwächst. Wer aber ausschließlich das betrachtet, was sich unmittelbar vor ihm befindet, ohne sich die gesamte Entfernung zu vergegenwärtigen, der wird ebenso scheitern, weil er auf die tatsächliche Herausforderung nicht vorbereitet ist. Das Verhältnis zwischen diesen zwei Punkten handelt jeder auf seinem Weg in emotionaler und rationaler Hinsicht fortwährend neu aus.
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Der Startschuss ertönt, aber es bewegt sich nichts. Zu viele Menschen sind auf der Bahn, es dauert eine Weile, bis auch unserer Block sich in Bewegung setzt. Ganz vorne laufen die Afrikaner, die nach knapp über zwei Stunden im Ziel sein werden, wir sehen sie nicht. Mein Bruder und ich halten ein Tempo. Es fällt schwer, sich in dem Pulk an Läufern nicht aus den Augen zu verlieren. Wir wussten beide um das, was hier vor uns liegen würde, in seinem ganzen abschreckenden Ausmaß, und es ist trotzdem so, dass man sich auf den ersten Metern noch einmal klar machen muss, dass man tatsächlich gerade losgelaufen ist. Auf einmal ist es soweit. Unser Tempo ist recht zügig, zumindest nicht so gemächlich, wie man angesichts der Strecke vermuten könnte. Nach jedem Kilometer steht ein Schild, das am Anfang zeigt, wie viel schon geschafft ist, und später dann, wie weit man noch laufen muss. Aber auch das ist austauschbar, letztendlich entscheidet die eigene Wahrnehmung.
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Ich bin klar im Kopf, motiviert und voller Hoffnung, und die ersten Schilder rauschen vorbei. Früh trinken ist wichtig, mein Bruder und ich beherzigen das. Schon sind zehn Kilometer geschafft, und es erscheint fast, als sei man gerade erst losgelaufen. Ein beruhigendes Gefühl. Das alles ist machbar, man kann es doch schaffen. Die blaue Plastiktüte reiße ich mir beim Laufen vom Körper, sie landet auf dem Bürgersteig. Vor dem Regen haben sie alle gewarnt, und wie hart es da werden könne, aber was zählt, ist das eigene Gefühl. Die Tropfen stören nicht. Nass ist man ohnehin. Was ändert es also? Die Warnung vor dem Regen ist das Urteil der Mutlosen, die sich morgens wieder in den Federn verkriechen, wenn der Tag grau zu werden scheint, und die Herausforderung zu beschwerlich. Noch ist alles leicht.
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Die Kilometerzahlen sind jetzt schon zweistellig, ich laufe noch einmal schneller. Mein Bruder bleibt etwas zurück und irgendwann, als ich mich umdrehe, ist er nicht mehr hinter mir. Wir laufen heute exakt die gleiche Route, aber eigentlich sind es ganz unterschiedliche Wege. Er wird es schaffen, da bin ich mir sicher. Endorphin und Adrenalin durchströmen den Körper und machen die Beine federleicht. Noch. Das erste Viertel des Weges ging schneller vorbei, als gedacht, aber es ist eben diese verflixte Sache mit den Bezugspunkten. Als nackte Zahlen sind sie starr, doch alles, was zwischen ihnen und mir geschieht, ist Kopfsache. Sie können in weite Ferne rücken. Lief man eben noch beschwingt und leichtfüßig, tritt kurz darauf eine erste Erschöpfung auf, und die Bewegung verlangsamt sich wie durch einen unsichtbaren Schleifklotz gebremst.
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Ich bewege mich, ich bleibe nicht stehen. Das ist die einzige Möglichkeit, um die Ziellinie zu erreichen. Das Laufen wird anstrengender. Ich verspüre keine plötzliche Erschöpfung, keine unsichtbare Wand, an der es auf einmal nicht mehr weitergeht. Nur die Beine schmerzen immer mehr, und es erfordert stetig mehr Überwindung, nicht doch einfach stehen zu bleiben. Auf der Etappe zwischen Kilometer 20 und 30 entscheidet sich, mit welcher Energie man das letzte Viertel des Weges laufen wird. Ich fühle mich gut, ich akzeptiere, dass es mühsam ist. Die Beine werden immer hölzerner und verlieren ihre Agilität. Der Blick reduziert sich auf das Ende eines hell erleuchteten Tunnels. An den Getränkeständen wechseln sich Wasser und Elektrolyte ab. Die Trinkpausen sind kurze Momente des Innehaltens, und vielleicht des Zweifelns, man muss sich schnell von ihnen losreißen, alles andere macht es nur schwerer.
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Ich erreiche den 35. Kilometer dieses Laufs. Der Pulk an Läufern entzerrt sich über die gesamte Distanz nicht, es sind einfach zu viele Menschen auf der Strecke. Je länger der Lauf dauert, umso reduzierter wird die Wahrnehmung. Die aufscheuernde Blase an der Innenseite des rechten Fußes merke ich nicht. Nur die gellenden Tröten am Streckenrand schmerzen in den Ohren, auch wenn sie gut gemeint sind. Die Kilometer ziehen sich jetzt. Der Blick sucht immer wieder das nächste Markierungsschild. Glücksgefühle, wenn es erscheint. Einen Schritt vor den anderen zu setzen, das Einfachste also, wird das Schwerste. Was lehrt der Schmerz den Menschen? Vermutlich, dass man Strapazen und Mühen in Kauf nehmen muss, um die Dinge zu erreichen, für die es sich wirklich lohnt. Für die es sich lohnt, seinen Ängsten ins Gesicht zu schauen. Immer nur den einfachsten Weg zu gehen, ist oberflächlich, hat einmal ein Freund zu mir gesagt. Ich glaube, das ist richtig. Wer nur den einfachsten Weg geht, kratzt immer nur an der Oberfläche menschlichen Erlebens, menschlicher Emotionen, und des Lebens selbst.
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Ich laufe jetzt über die Leipziger Straße. Kilometer 39, das Ende ist nahe. Die Geräusche werden lauter. Jetzt steigt wieder Euphorie im Körper hoch. Eine letzte Biegung, und schon folgt die Zielgerade. Die Frage, wie man es tatsächlich geschafft hat, am Ende diesen Punkt zu erreichen, wird rasch abgelöst von dem Glücksgefühl, dass es wirklich so gekommen ist. Dass man wirklich durchgehalten hat. Nach einem letzten Endspurt erreiche ich die Ziellinie. Um mich herum weinen Menschen vor Freude und Erschöpfung gleichermaßen, und auch ich bin zu Tränen gerührt. Die Frage, ob die Entbehrung sich gelohnt hat – sie stellt sich nicht mehr. Ich humpele an den Zuschauern vorbei. Erst jetzt erinnere ich mich wieder, dass es während des Laufs fast die ganze Zeit geregnet hat.
Berlin-Marathon (9)
Sonntag laufe ich den Berlin-Marathon mit. Meine Vorbereitung war – wie unschwer auf diesem Blog zu erkennen – eher dürftig. Um mich meiner eigenen Stärke und Zähigkeit zu vergewissern, bin ich vergangene Woche noch einmal knapp drei Stunden am Stück durchgelaufen. Die positive Erkenntnis: Ich werde den Marathon schaffen, sollte mir nicht aus unerklärlichen Gründen das Bein durchbrechen oder der Himmel einstürzen. Und ich freue mich sogar richtig darauf, mich wieder dieser Herausforderung zu stellen, die Schmerzen zu spüren und trotz ihnen weiterzulaufen. Ich werde gegen den Schmerz rennen, aber eigentlich auch für ihn, denn sonst würde das Ganze keinen Sinn machen.
Dienstag:
Distanz: 29,5 km
Zeit: 2:50:47 h
Tempo: 5:45 min/km, 10,4 km/h
Gelände: Asphalt, keine nennenswerten Steigungen
Charakter: Nachtlauf, Nieselregen, Plattenbau-Siedlungen
Musik: Midlake – The Trials Of Van Occupanther (8/10), soso – Tinfoil On The Windows (10/10)

Berlin-Marathon (8)
Freitag:
Distanz: 17,5 km
Zeit: 1:41:15 h
Tempo: 5:47 min/km, 10,4 km/h
Gelände: Waldboden/Asphalt, gelegentliche Steigungen
Charakter: milde Temperaturen, Abendlauf
Musik: Two Door Cinema Club – Tourist History (8/10), Los Orishas – El Kilo (7/10)
Berlin-Marathon (7)
Laufen ist oft auch Kompensation. Stressabbau. Ein Versuch, wieder in ein Gleichgewicht zu kommen, wenn Dinge aus dem Ruder gelaufen sind, kleinere Dinge, nicht einmal große und bedeutsame. Darum finde ich es zwar schade, dass ich den letzten zwei Monaten nicht zum Laufen gekommen bin (oder zumindest nicht zum Bloggen darüber), in einer gewissen Hinsicht ist das aber als positiv zu sehen. Ich habe das Laufen nicht gebraucht. Es gab viele andere Dinge, die mich ausgefüllt haben. Und es gab zusätzlich viele Dinge, die einfach erledigt werden mussten. Der Berlin-Marathon ist deshalb nicht gestorben. Gerade gestern sind wir aus den Bergen zurückgekehrt – Fotos folgen! – und ab sofort wird wieder trainiert. Schon vergangenen Abend bin ich unter dem Sternenhimmel losgerannt, entlang der großen Fabriken, die sich am Lennefluss aufreihen, schmutzig und schwerfällig. Die Kondition ist gut, der Kopf ist klar. Der nächste Marathon kann kommen.
Samstag:
Distanz: 12,3 km
Zeit: 1:09:37 h
Tempo: 5:40 min/km, 10,6 km/h
Gelände: Asphalt, leichte Steigungen
Charakter: Nachtlauf, Stadt und Industriegebiet, warme Temperaturen
Musik: The Alkaline Trio – This Addiction (5/10)
Berlin-Marathon (6)
Der Wochenrückblick kommt heute an einem Dienstag. Auch sonst folgt mein Lauftraining im Moment keiner geordneten Logik. Diverse anderweitige Aktivitäten haben das Laufen in den vergangenen zwei Wochen leider weitgehend verhindert. Allerdings habe ich vorvergangenen Donnerstag einen Tempolauf deutlich jenseits der Eine-Stunde-Grenze durchgezogen. War groß! Allerdings hat sich danach mein rechtes Bein zurückgemeldet. Deshalb sind die alten Laufschuhe nun endgültig in der Tonne gelandet.
Donnerstag:
Distanz: 16,8 km
Zeit: 1:20:56 h
Tempo: 4:49 min/km, 12,4 km/h
Gelände: Asphalt, keine Steigungen
Charakter: Landstraße, Innenstadt
Musik: The National – High Violet (10/10), Snaga & Pillath – II (6/10)

Berlin-Marathon (5)
Mittwoch:
Distanz: 9,2 km
Zeit: 50:39 min
Tempo: 5:30 min/km, 10,9 km/h
Gelände: Asphalt/Waldweg, keine Steigungen
Charakter: Landstraße, Waldstücke, warme Temperaturen
Musik: Damien Rice – 9 (5/10)
Berlin-Marathon (4)
Weil ich diese Woche das vorletzte Mal in meinem Leben unter der Knechtschaft staubtrockener Wirtschaftstheorien stand, ist das Laufen etwas zu kurz gekommen. Am Dienstag habe ich mir aber trotzdem einen wunderbaren Lauf in der Abenddämmerung gegönnt. Die Abkürzung durch den Wald ist zwar missglückt und ich bin knöcheltief in Wasserlöcher eingesunken, dafür durchströmte mich nach etwa einer Stunde – es war mittlerweile komplett dunkel – ein ungreifbares Hochgefühl, das ich beim Laufen schon längere Zeit nicht mehr so intensiv erlebt habe.
Dienstag:
Distanz: 15,2 km
Zeit: 1:23:03 h
Tempo: 5:28 km/min, 11,0 km/h
Gelände: Asphalt/Wiese, streckenweise komplett weglos, keine Steigungen
Charakter: Abenddämmerung, Landstraße und Felder
Musik: The Gaslight Anthem – American Slang (9/10),
Antony and the Johnsons – The Crying Light (7/10)

Berlin-Marathon (3)
Der dritte Wochenrückblick kommt zum heutigen Sonntag mal morgens früh, um kurz vor sechs. Draußen ist es hell, meine Beine sind müde vom Tanzen und obendrein bin ich heute Mittag (also quasi gestern) fast eine Stunde zum örtlichen McFit gejoggt, nur um dort mein Fitnesstraining durchzuziehen. Nebenbei bleibt noch zu bemerken, dass das Mumford & Sons-Album einfach unfassbar krass ist. Ja, das ist mir heute bewusst geworden. Achja: Und ich fühle mich erstaunlicherweise erstaunlich gut.
Mittwoch:
Distanz: 9,1 km
Zeit: 47:27 min
Tempo: 5:10 min/km, 11,5 km/h
Gelände: Asphalt, keine Steigungen
Charakter: Stadtlauf, frische Temperaturen, Nieselregen
Musik: Evidence – The Weatherman (6/10)
Freitag:
Distanz: 8,7 km
Zeit: 44:12 min
Tempo: 5:03 min/km, 11,8 km/h
Gelände: Asphalt, keine Steigungen
Charakter: Stadtlauf, mildere Temperaturen
Musik: 50 Cent – Before I Self Destruct (7/10)
Samstag:
Distanz: 9,3 km
Zeit: 46:48 min
Tempo: 5:02 min/km, 11,9 km/h
Gelände: Asphalt/Wiese, Steigungen und Gefälle
Charakter: Wald, Felder, Stadt
Musik: Clickclickdecker – Den Umständen entsprechend (8/10)

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