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»Wenn es nicht klappt, interessiert es kein Schwein.«

Posted in Gespräche by Philipp on 15/01/2012

Thomas Jakel (25) hat in Mannheim BWL studiert und danach mit einem Freund eine eigene Firma aufgebaut, die es ihm ermöglicht, von den meisten Orten der Welt aus mit seinem Laptop zu arbeiten. Im April will er mit dem Fahrrad von Berlin nach Indien fahren, um Geld für ein humanitäres Projekt zu sammeln. Im Café Morgenrot im Prenzlauer Berg, wo alle Männer einen Jutebeutel tragen und die Frauen einen Dutt, spricht der Gründer, Idea-Camp-Initiator und 4-Hour-Workweek-Selbstständige über seine Reise, das Prinzip des Worst-Case-Szenarios und warum wir eigentlich viel mehr Risiko eingehen könnten.

Du willst mit dem Fahrrad von Berlin nach Indien. Warum?

»Ich habe immer noch keine hundertprozentige Antwort darauf. Wir waren im Oktober in Indien. Ich wollte schon lange eine Motorradtour machen, eigentlich bis nach Istanbul. Da hatte ich aber noch keinen Motorradführerschein. Dann kam irgendwann: Man könnte ein paar Tage wandern gehen, einfach in den Wald abhauen. Und dann: Wie wäre es eigentlich mit einer Interkontinental-Fahrradtour? Nachdem wir in Indien waren, dachte ich, dass sich das schweinecool anhört, mit dem Fahrrad nach Indien zu fahren. In dem Moment habe ich gesagt: Das machst du, das wäre echt verrückt.«

Die Reise verfolgt aber schon ein bestimmtes Ziel. Du willst Geld von Sponsoren sammeln und in Indien investieren. Was ist genau geplant?

»Ich will Separationstoiletten in indischen Slums bauen. Das Modell wäre folgendes: Man nimmt von Leuten, die es sich leisten können, eine Benutzungsgebühr. Der andere Teil der Finanzierung kommt vom Verkauf der kompostierten Ausscheidungen an landwirtschaftliche Betriebe. Man kann das in einem kleinen Rahmen testen, das gefällt mir daran. Eine Community-Toilette für 1000 Personen, und wenn es funktioniert: ausbauen. Wenn es nicht funktioniert: einstellen oder anpassen.«

Wie lange wirst du unterwegs sein, bis du in Indien bist?

»Sechs bis sieben Monate.«

Hast du das Ausmaß dieser Unternehmung schon realisiert?

»Ich glaube nicht. Man sagt ja: Eine lange Reise beginnt immer mit dem ersten Schritt, genau wie ein Marathon. Ich denke, nach den ersten zwei Monaten, nach Istanbul, da bin ich erst richtig fit, und danach sind es noch 8000 Kilometer. Klar, gute Vorbereitung zahlt sich immer aus. Aber man hat genug Zeit, um auf dem Weg zu lernen.«

Der Weg ist das Ziel. Ist es wirklich so einfach?

»Ja, im Prinzip schon, wobei das Ziel zumindest Teil des Ziels bleibt. Es geht um etwas anderes: Ich könnte mir schon jetzt über alle Eventualitäten den Kopf zerbrechen. Aber ich glaube, dass die Leute vor Ort einen viel besseren Plan davon haben, was gefährlich ist und was nicht, welche Region man auf jeden Fall umfahren sollte. Das kann ich von hier aus nicht abschätzen. Deswegen ist es sinnvoll, erst einmal loszufahren.«

Der Weg wäre also, sich zu fragen, was man will und damit anzufangen?

»Manche Sachen muss man ausprobieren. Manchmal muss man erst herausfinden, was den vollen Fokus verdient.«

Irgendeine Ahnung, wie es im Iran aussieht?

»Ich glaube, es sieht ganz gut aus. Bis zu einem gewissen Punkt im Südosten. Danach müsste ich noch mal ein paar Sicherheitshinweise lesen.«

Du wirst dann über Pakistan weiterreisen müssen.

»Ja. Das ist vielleicht keine gute Idee.«

Gibt es nicht Orte, die angenehmer wären?

»Ja, vielleicht. Es wird im Sommer sehr heiß im Iran. Wir fahren mit einer Frau, die natürlich bedeckt fahren muss. Aber die Route steht. Wenn es zu brenzlig wird, brechen wir ab und nehmen einen Flieger. Aber wir machen den ersten Schritt.«

Einen Reifen flicken kannst du schon?

»Das kann ich. Ich wollte noch eine Woche ein Praktikum in einem Fahrradgeschäft machen. Vielleicht sagt der Typ dort dann: Der hat zwei linke Hände.«

Du musst relativ wenig arbeiten für relativ viel Geld. Sucht man dann zwangsläufig die immer noch krassere Herausforderung?

»Ja und nein. Ich habe zum Beispiel mal ein halbes Jahr in Brasilien vom Strand aus für meine Firma gearbeitet. Mir ist aber bewusst geworden, dass ich das nicht immer wieder machen muss. Dass das eine Phase war, in der ich etwas gelernt habe, aber dass es mir nicht genauso viel Befriedigung geben würde, jetzt noch mal nach Thailand zu gehen und dort ein halbes Jahr abzuhängen. Ich fände es immer noch cool, aber es wäre nicht mehr erfüllend genug.«

Warum nicht?

»Ich arbeite gerne und ich lerne gerne Sachen dazu. Ich könnte dort sicherlich Muay Thai lernen. Aber es würde mich nicht mehr so sehr fordern, ich würde nicht mehr so viel daraus ziehen wie bei der ersten Erfahrung, bei der ich gesehen habe: Das ist möglich. Ich weiß jetzt, dass es geht. Ich kann das jederzeit machen. Aber das nimmt auch die Verpflichtung, es gerade jetzt tun zu müssen.«

Du hast mit deiner Indien-Tour also eine neue Grenze gesucht?

»Ja. Und ich suche schon seit einer Weile nach einer lebensumspannenden Aufgabe. Für mich könnte das Social Business sein. Anderen Leuten helfen; etwas Humanitäres machen, das Bestand hat.«

Hat es etwas damit zu tun, etwas zurückzugeben? Aus dem Gewissen, dass wir in dieser irren Wohlstandsblase sitzen und es vielen Menschen sauschlecht geht.

»Nein, gar nicht. Aber es würde mir extrem viel geben, an etwas zu arbeiten, das einen wirklichen Einfluss auf das Leben von Menschen hat. Ihnen eine andere Art von Zukunft ermöglichen, wenn ich das kann, auf einer nachhaltigen Basis. Das möchte ich gerne schaffen.«

Die Entkopplung von Arbeitszeit und Einkommen ist noch ein sehr exklusiver Lebensstil. Wird sich das in Zukunft verändern?

»Es wird nichts sein, das jeder machen kann. Irgendwer muss ja noch arbeiten. Aber auf die Werkzeuge, die man dafür braucht, werden immer mehr Leute stoßen. Dass man so günstig gründen kann, dass das finanzielle Risiko so gering geworden ist, man seinen Job nebenbei weiter behalten kann, einen Tag die Woche freimacht, um etwas aufzubauen, dafür nur 1000 Euro in die Hand nehmen muss oder weniger – das ist großartig.«

Auf deinem Blog schreibst du über die Methode des Worst-Case-Szenarios. Worum geht es da?

»Das, was wir eigentlich als Risiko sehen, einen Job aufgeben, sich neu orientieren, birgt in meinen Augen kein wirkliches Risiko. In ganz vielen Fällen kann man wieder zurückkehren, man kommt wieder in seinen alten Job rein, man hat die alten Kontakte, man verliert sein Leben nicht, man fällt – wenn es einem nicht wirklich scheiße geht, weil man zum Beispiel gar kein soziales Sicherungsnetz hat – nicht so tief, dass man nicht wieder aufstehen kann.«

Aber das gilt doch nur für Leute, die einen bestimmten Bildungshintergrund haben, einen sozialen Hintergrund, der so etwas auffangen kann?

»Ohne diese Dinge ist es bestimmt um einiges schwieriger. Wenn du sowieso schon aus einer Situation kommst, in der du extrem hohe Risiken hast – keine Ausbildung, keine Arbeitslosenversicherung, keinen deutschen Pass – dann bist du dieses Risiko schon gewöhnt. Bei diesem Risiko würden sich andere schon aus dem Fenster stürzen. Aber auch dann gibt es etwas, das deutlich schlechter sein könnte. Du hast zumindest noch dein Leben. Klar, darüber hinaus gibt es ganz viele Stufen.«

Uns geht es so gut, dass wir viel mehr Risiko eingehen könnten?

»Ja. Und es ist ja keine dauerhafte Entscheidung. Ich versuche etwas, funktioniert es? Wenn nicht, kann ich wieder zurück. Man kann das auch so planen. Ich muss nicht den Job kündigen, ich kann Teilzeit arbeiten oder mich einen Tag in der Woche meinem Projekt widmen. Wie hoch ist da das Risiko?«

Ich glaube, das Problem ist, dass die meisten Angst haben zu scheitern. Wir haben ständig Angst, unser Gesicht zu verlieren. Ist das nicht das eigentliche Problem?

»Absolut. Ich habe mich neulich mit einer Freundin getroffen, die etwas jünger ist als ich. Sie hat für einen großen Konzern die gesamte Asienabteilung geleitet, eine sehr fähige Person. Sie hat das erreicht, was andere nach 20 oder 30 Jahren Karriere erreichen. Sie meinte neulich zu mir: Ich würde gerne noch mal ein Praktikum machen, um etwas ganz anderes kennenzulernen. Da ist sofort der Gedanke: Was würden meine Kollegen sagen, wen ich von meinem sechsstellig bezahlten Posten abspringe und sage, dass ich jetzt ein Praktikum mache, wofür ich kein Geld bekomme? Das Netzwerk, das sie hat, bleibt aber bestehen. Sie könnte wieder zurück, da bin ich mir sicher.«

Hast du dich viel damit beschäftigt, was die Leute von deiner Indien-Tour denken könnten?

»Ja. Hätte ich die Tour anonym gemacht, nur meinen engsten Freunden Bescheid gesagt und wäre dann weggewesen, dann wäre es kein Problem gewesen. Aber weil ich ein Blog dazu schreiben möchte, weil ich Spenden brauche für das humanitäre Projekt, ist man schnell bei der Entscheidung: Du musst es öffentlich machen. Wie machst du das? Ich habe mich sehr stark mit dieser Frage auseinandergesetzt.«

Hast du Angst vor der Meinung der Leute?

»Wenn ich nein sagen würde, wäre das komplett gelogen. Es beeinflusst einen immer. Aber unser Vorteil ist, dass wir kleine Leute sind. Uns kennt keiner, kein Schwein interessiert sich dafür, was wir machen. Aber je nachdem, wie wir Projekte erklären, können wir einen riesigen Einfluss darauf nehmen, wie sich die Meinung dazu formt. Ich fände es nicht cool, wenn die Leute sagen: Jetzt ist er völlig durchgeknallt.«

Wenn wir jedem erzählen, was wir vorhaben, ist der soziale Druck größer, es auch zu tun. Ist das nicht gefährlich, weil man irgendwann an einen Punkt kommt, an dem man nicht mehr selbstbestimmt handelt?

»Nicht unbedingt. Wenn du anfängst an Türen zu klopfen, dann gehen auch Türen auf. Aber wenn du niemandem davon erzählst, nicht die einfachsten Schritte in diese Richtung gehst, dann können sich diese Türen nicht öffnen. Man stellt mir einen Journalisten vor, der einen Artikel über mich schreiben will. Wenn er gar nicht weiß, was ich mache, kann er mir auch nicht helfen. Viele Türen öffnen sich durch die Hände anderer. Deswegen ist es wichtig, über seine Ziele zu sprechen. Daran scheitern die meisten, aus der Angst vor der Öffentlichkeit, vor der öffentlichen Meinung.«

Wir haben durch das Internet ja schon längst diese öffentliche Bühne für unsere Lebensprojekte. Und die Leute sind zu einem Spiegel unseres Schaffens geworden.

»Ich glaube, es ist motivierend, wenn du dich für etwas entscheidest, das aussprichst und ein positives Feedback dazu bekommst…«

Aber die Entscheidung musst du erst einmal für dich treffen.

»Genau. Ich möchte mein Leben gerade nicht so leben, wie es die Mehrheit möchte. Man vermutet auch, dass diese Mehrheit sagt, die Indien-Tour sei total verrückt. Aber die Mehrheit findet es bewundernswert.«

Die meisten finden es gut, aber kaum einer würde es selbst machen. Ich habe den Eindruck, viele fürchten so einen Schritt, weil sie dann keinen Bezugspunkt mehr haben. Sie können nicht abschätzen, ob es das eine Sache ist, die man auf jeden Fall tun oder besser lassen sollten.

»Die meisten suchen nach einem festen Rahmen. Seitdem ich selbstständig bin, entfaltet sich vor mir eine bis dahin unbekannte Fülle an Möglichkeiten. Viele in meinem Alter machen einen Master, damit sie ihre Ungebundenheit als Student noch eine Weile genießen können, damit sie noch reisen können, damit sie noch nicht arbeiten müssen. Ich kann das komplett nachvollziehen. Aber es ist eine gewisse Verzögerung des Problems. Irgendwann muss man sich überlegen: Wenn ich diese Freiheit haben möchte, was muss ich dann tun?«

Hängt es am Ende wieder alles vom Geld ab?

»Ja und nein. Es hat viel mit dem Kopf zu tun. Die meisten, die ich kenne, sind jederzeit frei zu sagen: Ich kündige oder ich breche erst einmal mein Studium ab und mache eine Weltreise. Ob sie das vom Ersparten machen oder unterwegs arbeiten: völlig ihnen überlassen. Die meisten könnten auch ein Schauspielstudium anfangen. Oder ein Unternehmen gründen. Auswandern. Wer das will, kann es fast immer, mit wenig Beschränkung.«

Würde es dir schwerfallen, deine Indien-Tour abzubrechen?

»Ja. Ich würde nicht abbrechen, wenn ich nicht muss.«

Wie ist dein Verhältnis zum Scheitern?

»Immer wenn ich gescheitert bin, habe ich etwas Essenzielles für die nächste Stufe gelernt. Ich finde, wenn man feststellt, dass etwas nicht das Richtige ist, dann sollte man es einstellen. Man muss nicht alles zu Ende bringen.«

Das größte Problem ist das Ego. Sich das Scheitern nicht eingestehen wollen, weil man es als persönliches Versagen ansieht. Irgendeine Idee, wie man damit besser umgeht?

»Das Ego ein bisschen zurückstellen. Erfolgreiche Menschen scheitern zum Beispiel schneller. Sie nehmen eher Risiken auf sich, treten schneller was los, scheitern damit schneller und machen diese Fehler nicht so schnell noch mal. Was nicht heißt, dass man unbedingt Fehler machen sollte. Aber wenn es nicht klappt, ist es halb so wild. Im Endeffekt: Wen interessiert es überhaupt außer dir selbst? Und das nur für einen kurzen Lebensabschnitt.«

Wir überschätzen, das was wir sind, und unterschätzen das, was wir tun. Zustimmung?

»Vor allem unterschätzen wir den Wert dessen, was wir langfristig tun können. Viele Menschen haben unentdeckte Potentiale, weil sie glauben, sie sind schon irgendwo, ihr Status sei ach so wichtig. Dabei interessiert es keinen. In letzter Zeit bin ich vielleicht etwas fatalistisch geworden. Aber im Endeffekt interessieren sich nur wenig Leute wirklich dafür, was man tut. Solange das so ist, kann ich einfach machen, was ich will. Wenn die Indien-Tour glückt: super. Wenn nicht, interessiert es kein Schwein. Das gilt für viele andere Sachen genauso.«

4 Antworten

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  1. Chris said, on 16/01/2012 at 6:32 pm

    Hallo Thomas,

    ich liebe die Art und Weise, wie ihr das “einfach mal machen” zelebriert. Kennst du eigentlich http://www.warmshowers.org/ ? Das ist quasi couchsurfing für Radwanderer – mit weltweitem Ersatzteil-Netzwerk. Die finden Euer Projekt auf jeden Fall bestimmt sehr spannend!

    Vg,
    Christian

    • Thomas said, on 16/01/2012 at 7:20 pm

      Hi Chris,

      besten Dank. Ich schaue mir die Seite gleich mal an. Eine ‘warm shower’ wäre auf der Tour sicherlich ein willkommener Segen =).

      Vg

      Thomas

  2. David said, on 18/01/2012 at 7:09 am

    Ihr seid doch keine ‘Warmduscher’, oder :D

    Cooles Interview, Thomas! Und wer mehr von Thomas erfahren will wie er es geschafft hat, 6 Monate von Brasilien aus zu arbeiten, der kann auf dieses Interview mit Thomas zurück greifen: “Bootstrapping and automating your 4 Hour Workweek business” unter http://4hwwsuccess.com/bootstrapping-and-automating-your-4hww-business/

    Gruß,
    David

    • Thomas said, on 22/01/2012 at 3:12 pm

      Hi David,

      danke für das Kommentar =) und den Link.

      Beste Grüße aus Marakkesh.
      Thomas


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