Run. Travel. Grow.

Nkhata Bay, Malawi – 10.02.11

Posted in Südostafrika by Philipp on 13/05/2011


Lake Malawi.

Unsere Blicke gingen über das Wasser. Der Himmel war milchig und trüb, er hatte keine Farbe. Kleine Wellen schlugen gegen die Steine unter dem Balkon. Ansonsten war es sehr still. Wir saßen auf zwei wuchtigen Holzstühlen, wir hatten unsere Füße auf den niedrigen Tisch gelegt. Graue Wolken hingen über dem See, am fernen Horizont entlud sich gewiss Regen. Die Luft war feucht. Im Dunst des Spätnachmittags regte sich nichts. Wir schauten über die Bucht, wir schauten uns an. Die sattgrünen Pflanzen reichten bis an das Ufer heran. Schmale Boote lagen auf dem Wasser, sie bewegten sich nicht. Keiner der Fischer hatte ein Netz ausgeworfen oder eine Angel, zumindest sah es nicht danach aus. Manchmal, ohne erkennbaren Anlass, setzte sich einer von ihnen in Bewegung und ruderte zurück in Richtung Ufer. Auf der anderen Seite zeichnete sich blass die Küstenlinie ab, es mussten wohl einige Dutzend Kilometer sein. Wo die Sonne stand, ließ sich nicht sagen. Irgendwann würde es dunkel werden. Wir taten nichts, wir saßen nur da.

Um von der Grenze an diesen Ort zu gelangen, nach Nkhata Bay am Lake Malawi, hatte es fast einen ganzen Tag gebraucht. Nach dem Verhandlungsgespräch bei Kerzenschein in der letzten Nacht waren wir am Morgen etwas ratlos. Der zwielichtige Mittelsmann Pasco von der Busorganisation Mohamed Coachline, der uns trotz anfänglichen Entgegenkommens noch einen nicht ganz unerheblichen Geldbetrag schuldete, war nicht aufzufinden gewesen. Die Chance seiner baldigen Rückkehr erschien uns denkbar gering, wir beschlossen nach einiger Zeit des Wartens von Tansania aus weiter nach Malawi zu reisen.

Die Passkontrolle im immigration office war trotz der obligatorischen bewaffneten Soldaten ziemlich unspektakulär. Wir brauchten bloß noch Malawi Kwacha, denn die Preise in Dollar sind umgerechnet fast überall deutlich höher als in der Landeswährung. Nur die Visagebühren und Rechnungen der internationalen Hotels werden in Devisen bezahlt, und letzteres spielte für uns ohnehin keine Rolle. Vor dem Grenzgebäude begann sogleich eine angeregte Diskussion mit den Geldwechslern. Man bot uns 10 000 Kwacha für 60 US-Dollar. Er habe »better rates than the bank«, erklärte uns ein junger Herr in gelbem T-Shirt. »What is your advantage then?« Auf diese scharfsinnige Gegenfrage fingen die umherstehenden Männer geschlossen an zu lachen, und es war nicht recht ersichtlich, ob wir den findigen Geschäftsmann eiskalt durchschaut oder die Zusammenhänge einfach grundlegend nicht verstanden hatten. Letztendlich schien der Kurs aber nicht allzu schlecht zu sein, und außerdem wollten wir ja schnell weiter, zu dem großen See.

Man führte uns zwischen einigen Bretterbuden hindurch bis zu einem Taxi. Nicht zum letzten Mal hatte ich die Sorge, dass die Männer, die unsere Rucksäcke trugen, einfach in der Menge verschwinden würden, was sich Zeit unserer Reise stets als ungerechtfertigter Verdacht herausstellen sollte. Wir fuhren nun nach Malawi hinein, von Norden kommend. Unweit der Straße standen zwischen den Bäumen kleine Ziegelbauten, denen häufig das Dach fehlte. Naturtöne rauschten am Fenster vorbei. Rotbraun und dunkelgrün, das sind die wahren Farben Afrikas. Gelegentlich stoppten Uniformierte unseren Wagen, ließen sich die Bescheinigung des Fahrers zeigen, und einige warfen auch einen Blick in den Kofferraum. Bis Karonga, der nächsten größeren Stadt, waren es vielleicht noch 30 Kilometer. »Sieh mal da«, rief einer von uns, und plötzlich konnten wir links der Straße in einiger Entfernung den stillen See erkennen.

In Karonga mussten wir das Fahrzeug wechseln und wieder feilschen. Unser Taxifahrer behauptete, er habe noch auf zwei weitere Passagiere gewartet, die nicht gekommen waren, wir hätten jedoch auf die Abfahrt bestanden und müssten nun den doppelten Preis bezahlen. Das war eine wirklich schlechte Erklärung, aber der Mann ließ sich nicht von seiner Darstellung der Sachlage abbringen. Eine Amtsperson in weißer Uniform schaltete sich ein, gab uns Recht, und der Preis war am Ende ein Kompromiss, womit der Taxifahrer ganz zufrieden wirkte. Wir nahmen ein daladala nach Mzuzu. Der ausrangierte Transporter hatte Löcher im Boden, man konnte die Straße sehen. Schaumstoff quoll aus den Sitzen. Sechs Stunden lagen nun vor uns. Die Überlandfahrten erschienen einem hier nie so lange, wie sie in Wirklichkeit waren.


Bei Karonga.

Anfangs folgte die Straße dem Küstenverlauf des Sees, den wir jetzt ständig neben uns hatten. Immer wieder hielt der Minibus an kleinen Dörfern an. Menschen stiegen zu, Menschen verließen das Fahrzeug. Meine Knie wurden gegen den Vordersitz gepresst, das dala war übervoll, und eine Federung gab es offensichtlich nicht. Wir mussten häufiger an provisorischen Kontrollpunkten anhalten. Ein Polizist saß unter den Bäumen am Straßenrand auf einem Stuhl, und als wir näher kamen, zog er mit einer langen Schnur die Schranke hoch. Wir konnten passieren, ohne dass er aufstehen musste. Ein Händler befestigte drei ellenbogenlange Fische an den immerhin vorhandenen Scheibenwischern, dann stieg er zu. Wir transportierten außerdem einen schweren Bottich mit kleineren Fischen im Fußraum. Mit dabei war auch ein lebendes Huhn, das sich aber weitgehend unauffällig verhielt.

Meine Sitznachbarn auf der Fahrt wechselten oft. Kurz bevor die Straße den See links liegen ließ und sich ins bergige Landesinnere hinaufschraubte, verließ eine Mutter mit ihrem Säugling den Bus. Auf der Fahrt hatte mich das Kind eine Weile intensiv angeschaut, während seine kleinen Füße auf meinem Oberschenkel herumstrampelten und die kleine Hand die entblößte Brust der Frau fest umklammert hielt. Irgendwann war der Junge eingeschlafen.

In den Bergen durchströmte kühlere Luft den löcherigen Bus. Mzuzu, drittgrößte Stadt des Landes, lag auf 1254 Metern. Die Straße war sehr kurvig und stellenweise auch sehr schmal. Der Fahrer fuhr sehr schnell. Man könnte sagen, er fuhr so schnell, wie es gerade noch auf dieser Strecke möglich war. Ein Mann reichte mir ein Stück von seinem Essen, es war eine Art Rübe, deren Konsistenz einer Kokosnuss ähnelte. Ich ignorierte jegliche zuvor gelesene Warnhinweise bezüglich des Essens in Weltregionen wie jener, in der wir uns zu dieser Zeit befanden, und bemerkte nach einiger Zeit zufrieden ein Sättigungsgefühl. Wir wussten nicht recht, wie lange wir noch fahren würden. Das war eigentlich immer so, wir fuhren eben einfach. Einmal verfolgten Affen unseren Bus. Ein besonders freches Exemplar, das noch relativ jung aussah, kreuzte vor uns die Fahrbahn, zögerte in der Mitte, schaute kurz unschlüssig zurück, und schon wurde das dala einmal kräftig durchgerüttelt. Die Fahrgäste lachten herzlich.

In Mzuzu ließ sich die Höhe, in der wir uns nun befanden, nicht erahnen. Ohnehin war die Stadt sehr aufgeräumt und überhaupt ziemlich nett. Wir bestellten in einem Straßenimbiss nahe dem Platz, von dem die Busse fuhren, viel zu fette Hähnchenschenkel mit Pommes frites, die auf einem klapprigen Grill gebraten wurden. Dazu gab es einen Salat aus Tomaten und Zwiebeln. Wir aßen mit den Fingern. Für ein nahezu lächerliches Entgelt erklärte sich ein Taxifahrer dazu bereit, uns die letzten rund 50 Kilometer nach Nhkata Bay zu fahren.

Im Ort angekommen stellten wir zunächst fest, dass es wieder ziemlich warm geworden war, wobei sich das schon auf der Fahrt zum See angedeutet hatte. Wir wechselten erneut den Wagen. Ein Mann fuhr uns in Richtung Süden über eine nicht asphaltierte Straße zum Muyoka Village. Der Fahrer kam wegen der vielen Schlaglöcher nur im Schritttempo voran, wir schaukelten umher wie auf einem Boot. Das Resort lag etwa zwei Kilometer von der Stadt entfernt, es bestand aus vielen kleinen Holzhütten, die in einiger Entfernung zur Straße auf Stelzen in den steilen Uferhang hineingebaut worden waren.

Eine Frau führte uns einen steilen Pfad hinab zur Rezeption. Unsere Augen hefteten am Grün der Pflanzen, an den bemoosten Steinen, an den hölzernen Geländern. Wir lächelten, wir waren angekommen. »How many nights do you stay?« Erst einmal drei, sagten wir, aber vielleicht auch länger. Kein Problem sei das, wir könnten einfach Bescheid sagen. Die Frau gab uns den Schlüssel. Es ging noch einmal auf und ab auf dem steinigen kleinen Weg, die Luft dampfte schwül vor sich hin, und wir waren froh, unser Gepäck in der Herberge abstellen zu können. Die Hütte war komplett aus Holz gebaut, sie bestand aus einem einzigen kleinen Zimmer. In der Mitte stand ein großes Bett, über dem ein engmaschiges Moskitonetz angebracht war. Das Fußende zeigte in Richtung Fenster, und wenn man sich aufrichtete, schaute man über den Balkon in die Ferne. Nachttischlampe und Deckenleuchte waren mit bunten Stoffen überzogen, das Licht schien rötlich warm. In der Ecke fand ein schwerer Schrank Platz, darauf standen Kerzen. Wir setzten uns auf den Balkon, wir hatten die Schuhe ausgezogen.


Muyoka Village, Nhkata Bay.

Am Morgen gingen wir hinüber zur Terrasse, die mit Blick auf den See in einer kleinen Bucht lag. Die Bäume dampften, über dem Wasser lag tropisch-feuchte Luft. Alles wurde überdacht von einem gewaltigen hölzernen Dach. Es gab es nur eine Wand, sie lag hinter der Bar. Dort begrüßte uns Philip, ein junger Malawier, und setzte Kaffee auf. Wir bestellten Frühstück. Müsli, Toast, Obstsalat mit Mangos, Ananas und Bananen. Auf der Terrasse standen Sofas und Stühle aus Korb, darauf lagen bunte Kissen. Einige Reisende saßen dort und lasen in Büchern, fast zu jeder Tageszeit spielte jemanden Billard, meist zusammen mit den Angestellten der Lodge-Anlage. »I hate private life, I grew up at a home where everybody at every time was welcomed«, stand in großen dunklen Buchstaben auf der grünen Wand hinter der Sitzecke.

Bei allem Nichtstun beschlossen wir, am Nachmittag in den Ort zu spazieren, um ein paar Sachen zu kaufen. Auf dem Weg sprachen uns Händler an, die wahlweise Kunsthandwerk oder »Malawi smoke« beziehungsweise »Bob Marley smoke« feilboten. Uns kam ein Mann entgegen, der ein schreiendes Kind auf dem Arm trug. Als wir in auf seiner Höhe waren, blickte er zu dem Baby, zeigte auf uns, sagte in beschwichtigendem Tonfall »mzungu«, was »Weiße« bedeutet, und das Kind hörte auf zu weinen und schaute uns eine Weile überrascht an. Als wir weitergingen, fing es wieder an zu schreien. In Nkhata Bay hatten sich die Menschen um ein großes Fußballfeld versammelt und feuerten ihre Lieblingsmannschaft an. Wir fanden einen Supermarkt und kauften Wasser, Chips, Kekse, Tütensuppe und insect killer. In unserer Hütte hatte sich über Nacht an der Wand hinter dem Kopfende des Bettes eine mächtige Ameisenstraße gebildet. Abends setzten wir uns auf die Terrasse. Sobald es dunkel wurde, kamen die Geckos hervor und versammelten sich um die Lampen, sie mussten ihre klebrigen Zungen nur noch in das Gewirr von Insekten hinausschleudern, um satt zu werden.

In den folgenden zwei Tagen bewegten wir uns nur wenig. Einmal spazierten wir zum Chikale Beach. Auf dem Weg trafen wir einen jungen Mann, der mich mit Justin Timberlake verglich. Er tanze oft seine Videos nach. Ein alter, müder Hund lief uns nach. Einmal fuhren wir mit einem Ruderboot auf den See hinaus. Das Wasser war so klar, dass wir bis auf den Grund sehen konnten. Wir sprangen hinein. »No hippos, no crocs, no bilharzia«, hatte uns Philip versprochen. Wir glaubten ihm. Abends gab es ein Buffet, serviert wurde frisch gefangener Butterfisch in Knoblauch, dazu Kartoffeln mit Rosmarin, Bohnen und Salat. Es schmeckte vorzüglich. Viel mehr zu tun gab es nicht. Wir saßen meist auf den Sofas oder auf unserem Balkon, wir lagen im Bett, wir lasen oder wir tranken Kaffee. Auch Schnorchelkurse und Bootstouren wurden angeboten, aber das machte eigentlich niemand hier. Es gab keine Eile. Wir stellten keinen Wecker, wir vergaßen die Uhrzeit. Ich rasierte mich nicht, meist lief ich barfuß. So einen Ort zu finden, das passiert einem nicht oft, das wusste ich.

Als ich am letzten Tag aufwachte, prasselte Regen auf unsere Hütte. Die Luft war klar und noch ein wenig kühl von der Nacht. Ich atmete tief durch, richtete mich auf und schaute aus dem Fenster. Dann ließ ich mich wieder zurückfallen und schloss meine Augen. Ich versuchte mir diesen Moment genau einzuprägen, jeden Sinneseindruck abzuspeichern, den Geruch der feuchten Luft, das Geräusch der Tropfen auf dem Holzdach, die Wärme des Bettes, und nahm mir vor, das alles niemals zu vergessen. Nachmittags saßen wir wieder auf dem Balkon und beobachteten das Licht und die Wolken über dem See. Die Fischer saßen in ihren Booten und rührten sich nicht. Der See, das Ufer, der Himmel, das war unser ganz persönlicher Ausblick, ein Bild nur für uns. Ich wäre gerne noch ein wenig geblieben, oder vielleicht sogar für immer. Aber das ging nicht.

Am nächsten Morgen klingelte der Wecker um 4 Uhr, es war dunkel und regnete in Strömen. Wir trugen unsere Rucksäcke die glitschige Steintreppe hinauf zur Straße, man musste gut aufpassen, um nicht auszurutschen. Halb durchnässt saßen wir im Taxi und fuhren in den Ort. Dort stiegen wir in einen großen Überlandbus. Mit dem ersten Aufhellen des Tages fuhren wir los. Die Kleidung war klamm. Wir suchten uns jeweils einen Fensterplatz und schauten hinaus, auf die letzten Häuser des Ortes und das trübe Grün der Landschaft. Das Bild hinter der Scheibe verschwamm immer mehr, es war einfach zu viel Regen da draußen. Im Bus wurde es kalt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s