Kyela, Tansania – 07.02.11

Auf der Fahrt zur malawischen Grenze.
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Es brannten nur zwei oder drei Kerzen, deren Wachs ungehindert auf den massiven, von Kerben übersäten Schreibtisch lief, vermutlich weil einmal mehr der Strom ausgefallen war oder aber sich in dem Raum auch sonst keine Lampe befand. Der örtliche Chef der Busorganisation Mohamed Coachline saß im flackernden Lichtschein auf seinem Stuhl, hörte sich unsere Geschichte an und wog seinen Kopf dabei prüfend von einer Seite zur anderen. Gelegentlich ließ er Einwände und Erklärungen der etwa zehn um uns herum stehenden Männer zu. Er war ganz offensichtlich der gescheiteste Mann am Platz.
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Man hätte uns eben diese Tickets verkauft, insistierten wir, und sie hätten uns eigentlich mit dem Bus über die Grenze bringen sollen, bis nach Mzuzu, was aufgrund der Tatsache, dass der Übergang nachts geschlossen ist und besagter Bus grundsätzlich nicht über die Landesgrenze hinaus fährt, einigen Zweifel an der Informationspolitik des Anbieters aufkommen ließ. Er könne unseren Ärger ja verstehen, sagte Pasco, so der Name des Verantwortlichen, das Ganze sei unglücklich gelaufen, aber jetzt um diese Uhrzeit werde es unwahrscheinlich schwierig, in Dar es Salaam, wo uns die Fahrkarten ausgestellt worden waren, noch irgendjemanden zu erreichen, um den misslichen Sachverhalt aufzuklären. Das müssten wir doch bitte verstehen. Die anderen Männer, unter ihnen der Busfahrer und der conductor, meldeten sich regelmäßig zu Wort, und wahrscheinlich fielen sie uns mit ihren Einwürfen in den Rücken. Die Gespräche wurden halb auf Englisch, halb auf Suaheli geführt, ich verstand dementsprechend nur die Hälfte.
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Nach etwa zwanzig Minuten des Abwägens schien die Gesellschaft von der Nachdrücklichkeit unserer Beschwerde überzeugt zu sein. Pasco händigte uns sichtlich verlegen 30 000 Schilling aus, was in etwa der Hälfte unserer offenen Forderung entsprach. Alles Weitere müsse man am Morgen klären. Ich sortierte in meinem Kopf die Fakten: Wir hatten nicht nur Tickets für eine Strecke gekauft, die so gar nicht offeriert wurde, wir hatten dafür auch einen willkürlich überteuerten Preis gezahlt. Und wir befanden uns deshalb jetzt, gut drei Stunden nach Sonnenuntergang, im äußersten Süden Tansanias, in dem kleinen Ort Kyela, also quasi im Nirgendwo, und der Verdacht schien sich unwiderlegbar erhärtet zu haben, dass man uns schon vor dem ersten Tag unserer Reise ganz bewusst übers Ohr gehauen hatte. Und das war ja erst einmal das Normalste der Welt.
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Dabei hatte alles ganz unaufgeregt angefangen. Aufgebrochen waren wir rund 15 Busstunden entfernt, im bereits erwähnten Dar es Salaam, wo die Preise für westliche Touristen wie allerorts in Tansania sehr willkürlich und kurzerhand mit deutlichen Aufschlägen nach oben gestaltet werden. Es war früher Morgen und noch dunkel. Wir erreichten per Taxi den bus terminal von Ubungo im Westen der Stadt, noch bevor das erste Dämmerlicht die Fassaden der Häuser erkennen ließ. Auf dem Platz herrschte bereits in aller Frühe ein geschäftiges Gewimmel an Menschen. Die mehr oder weniger akzeptabel aussehenden Busse standen aufgereiht nebeneinander, Hinweisschilder hinter der Frontscheibe gaben Auskunft über ihre Ziele: Mombasa, Moshi, Mbeya.
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In Tansania und wohl in ganz Südostafrika ist es aber ohnehin schier unmöglich, als Weißer nicht in Erfahrung zu bringen, welcher Bus einen zur gewünschten Destination bringt. Wo auch immer der westliche Reisende hinkommt, umringt ihn sogleich eine Schar von Menschen, die sich nach dem anvisierten Ziel erkundigt und ihn daraufhin, große Tatkraft vortäuschend, zum passenden Gefährt geleitet. Dahinter verbergen sich im Prinzip zwei Geschäftsmodelle: Entweder soll für das kurzerhand zur geldwerten Dienstleistung überinterpretierte Geleit ein kleiner Betrag fällig werden, oder aber der zuständige Begleiter des Busses, der zufällig ein Freund oder Bekannter ist, erhebt für die Fahrt ein erhöhtes Entgelt, um dem Geleitgebenden eine Art Vermittlungsgebühr für die neue Kundschaft auszuzahlen. Wie man es dreht und wendet, man geht aus diesen Deals nicht als Gewinner hervor.
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In Ubungo hatte die Betrügerei bekanntlich schon lange vorher stattgefunden. Wir stiegen nichtsahnend in den Überlandbus und waren erst einmal zufrieden, das Fortkommen in den nächsten Stunden dem Busfahrer überlassen zu können. Bevor wir mit dem ersten Aufhellen des Tages aufbrachen, folgte – das muss an dieser Stelle erzählt werden – noch ein weiterer Klassiker, der sich in den kommenden Tagen mit allenfalls geringfügigen Abweichungen wiederholen sollte: Nachdem wir Platz genommen hatten, trat sogleich der conductor an uns heran und fragte, ob wir denn schon für den Transport unserer Gepäckstücke bezahlt hätten. In diesem Moment ist es wesentlich zielführender, gleich mit »No – it’s free, we know that« zu antworten, als sich auf ermüdenden Preisverhandlungen einzulassen. Der junge Mann fragte »Are you sure?«, wir antworteten »Yes!«, und er schaute uns noch einen Moment an, zuckte resigniert mit den Achseln und ging.
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Nach diesem Lehrstück ostafrikanischer Verhandlungstaktik ging es recht bald los. Wir ließen Dar es Salaam hinter uns, die Sonne hatte den Morgen bereits spürbar aufgeheizt. Der Bus fuhr in Richtung Westen, weg von der Küste ins Landesinnere. Eher häufig als selten hielten wir an kleinen Ortschaften, und bereits vor Erreichen der Schrittgeschwindigkeit umringte eine Schar von Händlern den Bus, was uns die Möglichkeit gab, das ausgesparte Frühstück nachzuholen, ohne unsere Plätze zu verlassen.
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Händler zwischen Dar es Salaam und Morogoro.
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Händler in Morogoro.
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Anlass, sich in Ruhe die Beine zu vertreten, bot die Stadt Morogoro. Eine weibliche Amtsperson in Uniform hatte vehemente Bedenken an der Funktionalität unseres Busses, und so wurden sogleich alle Hebel in Bewegung gesetzt, um irgendwo her einen neuen Reifen zu beschaffen. Wir lehnten uns im Schatten an eine rotbraune Mauer, im dunstigen Horizont in der Ferne zeichneten sich grünbewaldete Berge ab. Nach etwa einer halben Stunde schien der Bus wieder fahrtüchtig zu sein, der unfreiwillige Halt zog sich also nicht unnötig in die Länge. Unsere Kleidung war durch das Anlehnen ganz erdig geworden.
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Als ich das nächste Mal geweckt wurde, sah ich zwei Elefanten mit weißen Stoßzähnen am Straßenrand stehen. Die Überlandbusse und Laster rauschten hier ganz ungehindert durch den Mikumi Nationalpark, die Tiere schien dieser Umstand indes nicht zu stören. Ich sah Antilopen, Warzenschweine, Büffel und auch eine Giraffe, alles durch die lautstark in der Fassung vibrierende Scheibe neben meinem Kopf, die das Einschlafen nur bei der in Tansania zum Glück häufig einsetzenden tropischen Erschöpfung möglich machte. Wenige Stunden später hatte sich die Landschaft schon wieder verändert, wir fuhren durch zunehmend bergiges Gelände, das viel dichter bewaldet war als die vergleichsweise trockene Steppe, die wir bisher passiert hatten. Die Straße schraubte sich das eine Mal nach oben, und schon wand sie sich wieder hinab. Müdigkeit dämmerte hinter den Augen, aber der Blick vermochte nicht, sich von der satten Vegetation zu lösen. An diesem Tag saugte ich mehr Grün in mich auf als in den vier vorangegangenen Herbst- und Wintermonaten zusammen.
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Immer wieder gab der Straßenverlauf jetzt weite Ausblicke über das Land frei, die Sonne fiel in einem zunehmend spitzeren Winkel über die Ebene. Über den Himmel zogen Wolken. Mbeya lag vor uns, die letzte große Stadt vor der Grenze, die wir heute nicht mehr überqueren sollten. Als es bereits dunkel war, wurde das Land wieder bergig, aber das war zu dieser Tageszeit schon nicht mehr zu sehen. Plötzlich lag Nebel auf der Straße, es wurde kälter im Bus. Auf den letzten hundert Kilometern, bevor es nicht mehr weiter ging, stieg noch eine motorisch stark degenerierte Frau zu, die sich durch ihr Übergewicht keineswegs am lautstarken Herumkrakeelen hindern ließ. Sie war offensichtlich betrunken, setzte immer wieder zu neuen Reden an und bedrohte die hinter uns sitzenden Fahrgäste, die angesichts der Uhrzeit vorsichtige Einwände gegen die Artikulationslautstärke vorbrachten, mal ernst und mal spaßend mit einer Machete. Die Reise war für heute zu Ende.
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Pasco von Mohamed Coachline in Kyela löschte die Kerzen. Wir würden erst am nächsten Morgen über die Grenze nach Malawi kommen, das wussten wir nun. Ein Fahrer brachte uns in ein kleines Hotel, dessen Namen ich vergessen habe. In dem Doppelzimmer zu umgerechnet 2,50 Euro pro Nacht und pro Person bröckelte der Putz von denen Wänden, es gab eine Leuchtstoffröhre, fließendes Wasser, einen Ventilator und saubere Bettlaken. Kurzum: Es war perfekt.
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