Olperer, Zillertal: Wie ich einmal sehr weit weg war
Nachdem ich in geistiger Zerrüttung und voller Skepsis dem Wochenende entgegen gesehen hatte, lösten sich alle Sorgen in Bezug auf meine kränkelnde Wade am Samstagmorgen im Nichts auf. Ich befand mich in Österreich, an der Schlegeis-Talsperre, eine knappe Busstunde vom Ort Mayrhofen entfernt. Die ersten im steil ansteigenden Pfad eingegrabenen Felsen und Wurzeln nehmend, zerstreuten sich die Gedanken an mein Bein mit zunehmender Höhe, ebenso wie die Schmerzen selbst. Ewig undurchdringlicher Nebel nahm alle Vegetation um mich herum in Beschlag. Mein diffuses Vertrauen darin, dass irgendwie doch alles gut werden würde, hatte sich bestätigt. Ich war wieder bei mir selbst.
…
Mayrhofen – dahin war ich am Freitag direkt nach der Arbeit gereist, mit der Bahn. Während die verhangenen Berge der Voralpen mein Zugfenster streiften, wurde es draußen Nacht. Aus den Lichtern der Stadt heraus fuhr ich in eine alles einnehmende Dunkelheit. Je tiefer ich nach Österreich hinein gelangte, je enger die Täler sich einschnitten, und je spärlicher die abendliche Beleuchtung der kleinen Gasthöfe und Pensionen wurde, umso mehr legte sich ein Gefühl von absoluter Gottverlassenheit über den Abend. Um 20 Uhr war es stockfinster. Mich überkam das Gefühl, auf diese Nacht würde kein Morgen folgen. Als würde der Tag in der Schwärze der viel zu frühen Nacht schrumpfen und die ganze Welt durch ein einziges beleuchtetes Fenster einkehren in ein heimeliges Zimmer, in dem alle Dinge zu ihrem bewegungslosen Ende kamen.
…
Als ich im Ort aus dem Bus stieg, holte mich die Wirklichkeit zurück. Die Straßen in Mayrhofen waren trotz der frischen Temperaturen und der Feuchtigkeit, die in der Luft lag, recht belebt. Es gestaltete sich schwieriger als gedacht, eine Pension zu finden. Die Hotels waren schlichtweg ausgebucht, in den kleinen Gasthöfen machte keiner mehr die Tür auf, auch wenn ich klingelte und Menschen im Wohnzimmer sitzen sah. Gegen 22 Uhr fand ich doch noch ein Zimmer, einfach, aber eine unglaubliche Ruhe ausstrahlend. Dort fiel ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
…
Ich frühstückte um 8 Uhr, üppig und ausgedehnt. Der Postbus zum Schlegeis ging um 9.30 Uhr. Dort brach ich auf, ohne zu wissen, wohin ich überhaupt wollte. Viele hohe Gipfel liegen um die Talsperre, ich entschied, zunächst zur Olperer Hütte aufzusteigen – es war der Weg, auf dem die Schmerzen im Bein verschwanden. Ohne das bewusst entschieden zu haben, rastete ich an der Hütte nur kurz, um etwas zu trinken, und stieg dann weiter auf. Unterbewusst hatte ich längst mit mir ausgemacht, wohin die Beine mich tragen sollten: auf den Olperer, mit 3476 Metern der dritthöchste Berg der Zillertaler Alpen.
…
Ich ging im Nebel. Anfangs war der Weg noch markiert, bis ich auf den Wegweiser mit der Aufschrift »Olperer (Riepengrat)« stieß. Die Wegscheide zeigte bergan, ins Grau. Ab hier ging es über grobes Blockwerk, den Steinmännern folgend, die Bergsteiger vor mir zur Wegfindung errichtet hatten. Ich traf einen Wanderer, der mir vom Berg entgegen kam. Er war früh morgens mit einer Stirnlampe aufgebrochen, aber kurz unterhalb des Gipfels umgekehrt. Er erzählte, er habe seine Winterhandschuhe vergessen und weiter oben am Seil seine Finger nicht mehr gespürt. Er hatte genau genommen nicht mal mehr gespürt, dass er das Seil in der Hand hielt. Also war er sicherheitshalber abgestiegen.
…
Der Vorteil einer Besteigung über den Grat liegt darin, dass man sich nicht verlaufen kann. Das hätte bei dem Nebel schnell passieren können. Nur einmal, etwa eine Stunde nach der Hütte, brachen die Wolken auf und gaben den Blick auf die umliegenden Berghänge frei. Ich fotografierte. Nach etwa zehn Minuten war das Schauspiel zu Ende, der dichte Nebel hatte mich zurück. Ich folgte dem Gratanstieg, die Lücken zwischen den Steinen füllten sich mehr und mehr mit Schnee. Ich kreuzte ein Firnfeld, auf dem ich zum Glück die Fußspuren des anderen Bergsteigers fand. Spätestens dort hatte ich das Gefühl, absolut alleine mit mir und dem Berg zu sein.
…
Schließlich kam die Schlüsselstelle der Südostroute, ein in der Literatur mit UIAA-Schwierigkeit III angegebener, sogenannter Kamin. Die Steine waren verschneit, das Kletterseil, von dem man nur schwer abschätzen konnte, wann es dort einmal fixiert worden war, bestand aus einem einzigen Eisstrang. Zum Glück waren Schlaufen hineingeknotet, und im Fels steckten zwei notdürftige Tritthaken. Die Steilstelle zu überwinden war dennoch nicht leicht. Sich mit dem Bein vom Standpunkt wegzudrücken, in dem Wissen, mit der Hand unweigerlich den nächsten Griffhaken erreichen zu müssen, weil man sonst in eine definitive Fallposition gerät – diese Situation erzeugt ein Gefühl, das zwischen messerscharfer Konzentration und einem vom Bauchraum eruptiv aufsteigenden Adrenalinstoß lag.
…
Der Gipfelgrat des Olperers ist klettertechnisch nicht mehr allzu schwierig. Allerdings lag dort nicht nur Schnee, die Steine darunter waren auch noch vereist. Rechts neben mir fiel die verschneite Olperer-Nordwand etwa 500 Meter zum Fuß des Gefrorene-Wand-Gletschers ab. Ich konnte ihr Ende im dichten Nebel nur erahnen. Heikel wurde es noch einmal unmittelbar vor dem Gipfel, wo ein mächtiger Block – scheinbar wie auf den Grat gelegt – den Weg versperrte. Eisenklammern steckten im Gestein, damit man den Block überklettern konnte. Ich umging ihn jedoch. Dabei balancierte ich auf einer schräg emporragenden, zwanzig Zentimeter breiten Felsstufe, die voller Eis war. Unmittelbar neben mir fiel die Nordwand mit einer 80-Grad-Neigung in den ewigen Nebel ab.
…

Olperer, Gipfelgrat und Gipfelkreuz.
…
Nach vier Stunden Aufstieg vom Stausee stand ich auf dem Gipfel. Dort oben gab es nichts, nur Felsen und Eis, und das undurchdringliche Grau, das jede Sicht nimmt. Auf einem solchen Berggipfel beschleicht einen immer ein seltsames Gefühl, wenn man alleine unterwegs ist. Es ist ein Gefühl, als würden unweigerlich schlimme Dinge passieren, wenn man sich zu lange an diesem Ort aufhält – als würde eine Sanduhr laufen. Es ist naturgemäß ein Ort, der nur ein kleines Fenster lässt, ein Ort, an dem man nur zu Besuch ist, der einen vielleicht als Gast akzeptiert. Die Gefahr eines Wettersturzes, der die Rückkehr vom Berg empfindlich erschwert, und die irgendwann einbrechende Dunkelheit, die jede sinnvolle Fortbewegung im Gelände unmöglich macht, sind unterbewusst immer präsent. Plötzlich fielen kleine Eiskörner vom Himmel, eine seltsame Mischung aus Schnee und Hagel, es war Zeit für den Abstieg. Ich hatte das Gefühl, von allem sehr weit weg zu sein.
…
Das Steilstück war bergab leichter zu machen als auf dem Hinweg. Meine Spuren im Schnee suchend, stieg ich bis in eine Höhenlage ab, in der sich der Nebel langsam lichtete. Irgendwann kam die Olperer Hütte in Sicht, ich erreichte sie gegen 16.30 Uhr. Um 10.30 Uhr war ich vom Stausee aufgebrochen. Auf der Hütte nahm ich mir ein Lager. Ich traf den Bergsteiger vom Mittag wieder, einen Geschäftsmann in München. Wir verbrachten den Abend bei Bier und Wein in der Gaststube. Zu uns gesellte sich ein Architekt, der an diesem Wochenende ebenfalls alleine unterwegs war. So sprachen wir über die Berge und ihre Abgeschiedenheit, über die Stadt und ihre Rastlosigkeit, und ein bisschen über das Leben an sich.
…
Am nächsten Morgen stand ich um 7 Uhr auf. Meine Kopfschmerzen vom Vorabend waren zum Glück verschwunden. Ich hatte am Samstag viel zu wenig getrunken. Am meisten Flüssigkeit verliert man in der Höhe durch die Atemluft. Nach der Olperer-Besteigung waren meine Augen angeschwollen gewesen, der Kopf hatte gebrummt. Wie ich mich aber am Morgen so ganz gut fühlte, brach ich um 8 Uhr zum Friesenberghaus auf, um von dort den Hohen Riffler zu besteigen. An diesem Sonntagmorgen über das Blockwerk zu steigen, vollkommen alleine, nur die nebelverhangenen Hänge um mich herum – das hatte etwas für sich. Ich frühstückte von meinem Brot, den Äpfeln und den Müsliriegeln, als ich die andere Hütte erreichte. Zusammen mit dem Geschäftsmann brach ich schließlich zum Hohen Riffler auf. Der Berg ist technisch einfach, in den höheren Lagen schneite es aber kräftig, und der Wind blies die Flocken tief unter die Kapuze. Wir hatten keine Fernsicht.
…

Schwarzenstein.

Hochfeiler und Hochferner.

Am Hohen Riffler.

Am Hohen Riffler.

Zillertaler Hauptkamm.
…
Ich stieg mit dem Geschäftsmann bis zum See ab, er spendierte mir noch ein Bier, und wir blickten über das türkisfarbene Wasser. Es war angenehm – mit diesem Mann musste ich nicht die ganze Zeit reden, ohne dass es einer von uns beiden als komisch empfand. Wir sprachen ein bisschen darüber, was uns jetzt die Woche erwarten würde, in der Stadt, auf der Arbeit. Wir fanden beide, dass es gut war, dieses Wochenende hier gewesen zu sein. Es ist dieses Gefühl des gottverlassenen Entfernt-Seins von allem, diesem Nur-bei-sich-sein, das die Ruhelosigkeit der Stadt wieder erträglich macht.
…
Der Geschäftsmann nahm mich in seinem Wagen mit zurück nach München. Auf der Fahrt redeten wir kaum. Wir fuhren sehr schnell. Der Freitag, an dem ich angekommen war, lag für mich in einer lang zurückliegenden Vergangenheit. Das Abendlicht zog vorbei, die Landschaft wurde flacher, irgendwann döste ich weg. Der Geschäftsmann ließ mich an einer S-Bahn-Station heraus, von der ich schnell nach München hineinfahren konnte, heraus aus der Nacht. Ich trug die gleiche Kleidung wie am Freitag. Was mir auffiel war nur der Lärm, der am Hauptbahnhof herrschte. Ich war zurück in der Stadt.
…

Zillertaler Hauptkamm.

Zillertaler Alpen.

Stausee Schlegeis und Zillertaler Hauptkamm.

Zillertaler Hauptkamm.

Großer Möseler.

Stausee Schlegeis und Zillertaler Hauptkamm.
Wow! Danke für die Reise! Letzte Woche bist Du alleine auf diese Berge gestiegen, aber gerade war ich nochmal mit Dir da…
In so einer Kulisse kann man auch nicht anders, als wieder zu sich selbst zu finden und die Schmerzen Vergangenheit sein zu lassen.
Ahh, nun keimt auch in mir wieder ein sehnsüchtiges Gefühl auf. Ich beneide dich
[...] in Ausrüstung von sturmkind58 am Januar 11, 2010 Als ich vergangenen September am Olperer („Die ausgesetzten Abschnitte des Riepengrats dürften bei Vereisung äußerst heikel [...]