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Zugspitze via Höllental und Jubiläumsgrat an einem Tag

Posted in Wetterstein-Gebirge by Philipp on 16/08/2009

Nur zu laufen ist auf Dauer durchaus langweilig. Nachdem ich die ganze Woche über verschiedene Wetterdienste im Netz verfolgt hatte, fuhr ich am Freitag in freudiger Erwartung eines Hochdruckgebiets in die Berge – und zwar nach Garmisch-Partenkirchen am Fuß des Wettersteingebirges. Der Plan sah folgendes vor: die Zugspitze über die Höllental-Route zu besteigen und noch am gleichen Tag den Jubiläumsgrat zu erklettern. Ich nahm die Bergstiefel mit ins Büro, fuhr direkt nach der Arbeit los und erreichte Garmisch um 19 Uhr.

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Garmisch-Partenkirchen.

Das warme Abendlicht versuchte mich bei der Ankunft in den Alpen zu Müßiggang zu bewegen. Mir blieb aber nur wenig Zeit. Ich stieg innerhalb von zwei Stunden zur Höllentalangerhütte auf 1381 Meter auf, der Schweiß lief mir über das Gesicht. Ich erreichte die Hütte mit dem wirklich allerletzten Tageslicht. Der so ziemlich unfreundlichste Hüttenwirt der Welt hatte noch einen Lagerplatz für sechs Euro für mich. Auf dem Lager selbst fand sich natürlich auch einer, der schnarchte, und so verbrachte ich eine unruhige Nacht, die um 4.30 Uhr ihr frühes Ende nahm. Die Aufstiegsroute zur Zugspitze sollte so aussehen:

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Höllental-Route.

Unglücklicherweise hatte ich die Sonnenaufgangszeiten für Mitte August kläglichst unterschätzt, um 5 Uhr war es draußen noch stockfinster. Ich hatte keine Stirnlampe. Da die Mondsichel aber ein wenig Licht spendete und der Weg zum Talschluss recht eben war, beschloss ich, nach einem kleinen Frühstück trotzdem aufzubrechen. In mir machte sich eine sehr tolkiensche Stimmung breit. Weiter oben am Berg leuchteten bereits die Stirnlampen der früher aufgebrochenen Bergsteiger. Die kleinen Lichtpunkte in der Ferne sahen zusammen genommen aus wie ein versprengtes Feldlager. Mit der ersten zaghaften Aufhellung des Himmels erreichte ich die sogenannte Leiter und das sogenannte Brett, zwei seilversicherte Passagen, die sich im Internet viel heikler lesen, als sie in Wirklichkeit sind. Als ich über dem Talschluss stand, machte sich die Sonne endlich daran, aufzugehen.

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Sonnenaufgang vom Höllentalferner.

Der Weg führt weiter bis zum Höllentalferner. Sonnengeschützt auf der Nordseite liegend ist der Ferner einer der letzten Gletscher auf deutschem Staatsgebiet. Ich war froh, dass ich meine Steigeisen dabei hatte und kreuzte den Ferner in direkter Linie, teilweise auf Blankeis, nicht ohne auf die gefährlich tiefen Spalten zu achten. Alle vorausgestiegenen Gruppen hatte ich bereits hinter mir gelassen.

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Höllentalferner.

Vor mir lagen die letzten 200 Höhenmeter zum Gipfel. Sie sind in einem einzigen großen Klettersteig komplett seilversichert, der Anstieg ist noch einmal besonders kräftezehrend. Um 8.30 Uhr erreichte ich den Gipfel der Zugspitze, mit 2963 Metern Deutschlands höchster Berg. Für den Bergsteiger ist das Erreichen des Gipfels eher deprimierend: Es führen drei Seilbahnen auf die Spitze, der gesamte Gipfelbereich ist zugebaut und einbetoniert, es gibt zwei Restaurants und das Münchener Haus des DAV. Bereits mit Eintreffen der ersten Talbahnen füllte sich das Plateau recht schnell mit schätzungsweise 200 Menschen, darunter Familien mit kleinen Kindern und Japaner in Turnschuhen. Ein Beispiel dafür, dass der Mensch durch seine Technologie an Orte vordringt, an denen er eigentlich nichts verloren hat. Immerhin war die Aussicht großartig, beinahe alle hohen Dreitausender der Ostalpen zeichneten sich am leicht dunstigen Horizont ab. Zum Beispiel der imposante Firngipfel der Wildspitze in den Ötztaler Alpen:

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Wildspitze von der Zugspitze.

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Ich versorgte mich mit Weißwürsten, Bretzeln und einem Weißbier zum zweiten Frühstück und sann über mein weiteres Vorgehen nach: die Begehung des Jubiläumsgrats. Diese Gratüberschreitung ist eine in der Bergsteiger-Literatur mit acht Stunden Gehzeit angegebene hochalpine Tour, die unversicherte Kletterpassagen im unteren dritten Schwierigkeitsgrat der UIAA-Skala aufweist. Der Kletterer überwindet jede einzelne Erhebung auf dem Grat bis zur Grießkarscharte, also noch einmal 800 Höhenmeter im Gegenanstieg, und hat bis auf einen einzigen Talabstieg keine Möglichkeit, aus dem Grat auszusteigen. Das Motto ist: Tu es oder tu es nicht, es gibt kein Versuchen. Aber ich wäre verärgert gewesen, wenn ich Kletterhelm, Gurt und Klettersteigset umsonst auf die Zugspitze geschleppt hätte.

Der Weg über den »Jubi« führt am Anfang sehr ausgesetzt am Grat entlang, hier wurde weitgehend auf Seilversicherungen und Tritthaken verzichtet. Der Pfad ist oft nur einen halben Meter breit, er fällt 500 Meter senkrecht ins Höllental ab. Stürzen ist hier sehr unvorteilhaft. Ich überholte viele Bergsteiger, sprach mit diesem und jenen. Die einen wollten in der Biwakschachtel nach zwei Dritteln des Weges übernachten, andere hatten bereits für die eine Hälfte des Weges sechs Stunden gebraucht. Viele Gruppen begehen den Jubiläumsgrat in zwei Tagen. Sofern ich nicht gefragt wurde, erzählte ich nicht, woher ich kam und schmunzelte in mich hinein. Die Sonne stand hoch am Himmel, es wurde Nachmittag, als ich die Höllentalspitzen überwunden hatte.

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Eine Schlüsselstelle folgt beim Erklettern der Vollkarspitze (siehe Foto rechts). Der Steig ist mit Kategorie D bewertet – und in der Tat kommt man mit der 3-Punkt-Regel nicht weit. Man muss teilweise sein gesamtes Gewicht auf die Arme verlagern, um den nächsten Trittpunkt zu erreichen. An dieser Stelle habe ich mich mit dem Klettersteigset abgesichert, zumal es zeitweise zu einem Stau in der Wand kam und die Standplatzsicherung recht anstregend war. Ein weiteres Problem drängte sich auf: Auf dem Jubiläumsgrat gibt es nirgendwo Wasser. Meine 1,5 Liter, die ich auf der Zugspitze gefüllt hatte, waren beinahe leer. Ein zermürbender Durst quälte mich. Irgendwann hörte ich dann, körperlich schon reichlich ausgezehrt, fließendes Wasser. Ich kreuzte ein Geröllfeld und fand ein Rinnsaal, das von einem Schneefeld gespeist wurde. Zitterend und müde trank ich und füllte die Flasche. In solchen Momenten kehrt der Mensch wieder ein wenig zu sich und seiner Natur zurück.

Das Wasser in Verbindung mit meinem letzten Snickers-Riegel gab mir etwas Energie. Ohnehin: Der Körper ist eine Maschine, die schier unbegrenzte Energie freisetzen kann, solange man sie mit ausreichend Treibstoff füttert. Ich erreichte nach zwölf Stunden Kletterei endlich die Grießkarscharte, es war bereits 17 Uhr. Wie kompromisslos der Grat tatsächlich ist, zeigte sich auch daran, dass zwei Bergsteiger am Rand ihrer Erschöpfung von einem Hubschrauber der Österreichischen Armee ausgeflogen werden mussten. Sie hatten schlichtweg keine Kraft mehr gehabt, um weiterzugehen, erzählte man sich später auf der Hütte. Leider ist der Abstieg von der Grießkarscharte kaum anspruchsloser als der Grat selbst. 200 Höhenmeter ging es über Seilversicherungen hinab, bis das Gelände endlich ein wenig ebener wurde. Ich traf auf eine Gruppe Wanderer, die die Scharte überschritten hatten – zwei Buben, Vater und Onkel. Nach den üblichen Wohers und Wohins beschloss man, gemeinsam abzusteigen. Und nach zwölf Stunden kräftezehrender Kletterei hat ein kitschgeschwängertes »Zusammen steigt es sich leichter ab als allein« dann auch nichts mehr mit Kitsch zutun.

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Ich fiel in eine tranceartige Gleichgültigkeit, aber das Gespräch mit der Familie belebte mich wieder etwas. Der Junge war 13 und erinnerte mich ein bisschen an mich selbst in seinem Alter. Auf dem Weg zurück zur Höllentalangerhütte trafen wir auf drei weitere Wanderer, die sich überschätzt hatten und am Ende ihrer Kräfte pausierten. Wir versorgten sie mit dem, was uns noch an Wasser und Essen blieb (ich selbst hatte nichts mehr) und bewegten sie zum Weitergehen. Die einsetzende Dunkelheit nahte. So erreichten wir alle zusammen gegen 19 Uhr die Hütte. Alles in allem war ich damit 14 Stunden auf den Beinen und genau so fühlte ich mich. Auf der Hütte saßen wir alle zusammen und die »Geretteten« schenkten uns zum Dank ein paar Schnäpse. Obwohl ich wusste, dass ich auch so würde schlafen können, trank ich zwei mit, bestellte von meinem letzten Geld etwas zu essen und fiel in einen komatösen Schlaf. Am nächsten Tag ging es morgens durch die Klamm zurück ins Tal.

4 Antworten

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  1. Hannes said, on 17/08/2009 at 6:24 nachmittags

    Traumhaft.
    Das würde ich jeder Zeit gegen einen meiner Läufe tauschen.

  2. [...] allzu viel passiert, kommt noch ein kleiner Nachtrag: Ich habe mal die Wander- und Kletterroute zur 14-Stunden-Höllental-Jubiläumsgrat-Tour im August auf Google Earth nachgezeichnet. Jeweils mit den zeitlichen Markierungen zur Tour. Mehr [...]

  3. [...] den höchsten Berg Österreichs bestiegen, als auch den höchsten Berg Deutschlands, und letzteren zusammen mit einer Erkletterung des Jubiläumsgrats an einem einzigen Tag. Im Rückblick war das wohl in vielerlei Hinsicht die krasseste [...]

  4. Manuel Domann said, on 07/04/2011 at 11:34 vormittags

    Das habe ich mir mit einem Freund jetzt auch vorgenommen als Einstimmung in die Bergsaison … mal sehen wie lang wir brauchen … werden das ähnlich machen wie du denke ich nur das wir noch anreisen müssen …. Aber schön geschriebener Artikel.

    Liebe Grüße


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